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Ausstellung „Asterix und die Kelten“ : Die stimmen, die Kelten!

Asterix auf dem historischen Prüfstand: Die Völklinger Hütte zeigt, was die Archäologie an der Comicserie bestätigt oder korrigiert. Das ist spannend.

          2 Min.

          Ist die Aura einer Ausstellung ans Original gebunden? Dann stünde es schlecht um die laut Eigeneinschätzung größte aller bisherigen Asterix-Ausstellungen, die heute in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte im Saarland eröffnet wird. Denn die Weltkulturerbestätte hat zwar von den Rechteinhabern und Bewahrern des gewaltigen Comicschatzes, den „Asterix“ darstellt, die Genehmigung zur Präsentation von 128 Seiten bekommen. Aber in Völklingen ist keine einzige echte Zeichnung zu sehen. Stattdessen hängen drei Dutzend Faksimiles der in unnachahmlichem Schwung von Albert Uderzo gezeichneten Originalseiten und einiger Skizzen an den Stellwänden, während der Rest aus vergrößerten Nachdrucken der deutschen Albenveröffentlichungen besteht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und doch ist die Völklinger Asterix-Ausstellung einen Besuch wert, denn es geht dort gar nicht vorrangig um den Comic, sondern um seine Verankerung in einer spezifischen Kultur: der keltischen vor ihrer Überformung durch die römische. „Asterix & die Kelten“ heißt die Schau, und sie ergänzt die 128 Seiten durch sechshundert Objekte, die uns zurückführen in jene Zeit, als ganz Gallien (und auch das Saarland) von den Römern besetzt war. Alle Gallier und Saarländer aber waren Kelten.

          Damit konnte die Schau um Asterix vorfinanziert werden

          Weil man über diesen riesigen Stammesverbund lange Zeit archäologisch recht wenig wusste (unter anderem auch nicht, wo Alesia lag, der Ort der finalen Niederlage im Kampf der gallischen Kelten gegen die Römer), war das die ideale Folie für den versierten Autor René Goscinny, der für die von ihm mitbegründete Comiczeitschrift „Pilote“ 1959 eine Identifikationsfigur suchte, die mit der französischen Geschichte verbunden sein sollte, ohne aber eine historisch heikle Epoche ins Spiel zu bringen. Also fielen Napoleon oder die Resistance aus, aber Goscinny erfand trotzdem einen kleinen Mann mit großem Widerstandsgeist: Asterix, den Gallier. Dass er nicht „Asterix, der Kelte“ hieß, lag daran, dass diese Bezeichnung damaligen Lesern nicht viel gesagt hätte.

          Das hat sich mittlerweile geändert, nicht zuletzt durch die große Kelten-Ausstellung, die in der Völklinger Hütte vor einem Jahr stattfand (F.A.Z. vom 22. November 2010). Mit fast 200 000 Besuchern war sie die bislang bestbesuchte Schau im saarländischen Weltkulturerbe und spielte große Überschüsse in die Kassen, mit denen nun die Schau um Asterix komplett vorfinanziert werden konnte.

          Geschickt ausgewählte Leihgaben

          Die ist keine Folge-, sondern eine Erweiterungsschau; ihre eigentliche Sensation sind die archäologischen Objekte, die größtenteils aus dem Saarland stammen. Keines von ihnen war Teil der ersten Ausstellung, einige werden gar erstmals gezeigt. So eine grazile Halskette aus geflochtenen Goldfäden mit Hundeköpfen als Schließen, gefunden in Saarbrücken. Ein reich geschnitzter Kamm entstammt einem Tempelbezirk bei Dillingen, ein Rasiermesser der Gegend um Merzig.

          Dazu kommen geschickt ausgewählte Leihgaben, vor allem aus französischen Museen, wie etwa ein Stater, also eine Münze, die der keltische Stammesfürst Vercingetorix im Jahr 52 vor Christus prägen ließ. Zwei Jahre später ergab er sich bei Alesia dem römischen Feldherrn Julius Caesar - eine Szene, die jeder Asterix-Leser kennt. Die im Comic eher rabiat durchgeführte Kapitulation mag man dem feinsinnigen Herrn, dessen Profil auf der Münze prangt, nicht zutrauen.

          Die Aura schafft den Rahmen

          Überhaupt revidieren die antiken Zeugnisse manches Detail aus „Asterix“, etwa das Schuhwerk (keine Rede von Sandalen im kalten Keltengebiet, dafür Nagelschuhe) oder die Länge der Schwerter. Mehr aber noch wird bestätigt; und selbst skurrile Einfälle wie die eingemeißelten Aktennotizen auf Marmorplatten aus „Asterix“ scheinen plötzlich plausibel, wenn man das in einen Steinblock eingeritzte Mühle-Spiel sieht. Das taugte auch nicht zum Transport.

          Das Schönste an der Ausstellung jedoch ist, dass sie ohne didaktischen Zeigefinger konzipiert wurde. Man kann die Bezüge zwischen antiken Funden und ausgestellten Comicszenen bemerken, aber kommt auch sonst auf seine Kosten. Und wenn man am Ende den grandiosen Blick auf die knallroten Stellwände zwischen den schwarzen Riesenmaschinen in der Gebläsehalle genießt, braucht man gar keine einzelnen Objekte, um das Staunen zu lernen. Die Aura schafft hier der Rahmen, ein Glücksfall in der deutschen Museumslandschaft.

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