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„Arnt der Bildschnitzer“ in Köln : Der Schnitter in die Seele

Endlose Grausamkeiten: Eines von sieben Martyrien des Heiligen Georg aus dem Georgsretabel der Kirche St. Nicolai in Kalkar zeigt dessen Pfählung. Der Junge mit Zipfelmütze als Ergänzung des neunzehnten Jahrhunderts zeigt deutlich den Unterschied zwischen Meister Arnts psychischer Aufladung des Scharfrichtergesichts und dem süßlichen Knabengesicht des Restaurators Ferdinand Langenberg. Bild: dpa

Bei ihm vibrieren die Faltengebirge und Stirnrunzeln: Der spätgotische Bildhauer Meister Arnt ist das niederrheinische Pendant zu Tilman Riemenschneider. Eine Kölner Ausstellung zeigt sein ganzes Können.

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          Er war bisher der große Unbekannte der spätmittelalterlichen Bildhauerei - Meister „Arnt, der Beeldesnider“, wie er sich in einer Quelle aus dem Jahr 1460 „myt myn selfs hant ghescreven“ erstmals und leider auch einmalig nennt. Obwohl die Schriftquelle bei einer quittierten Auszahlungssumme von mehr als vier rheinischen Gulden für nur ein geschnitztes Wappen und eine Helmzier mit Schwan und Ochsenkopf einen hohen Preis für einen offensichtlich sehr gefragten Künstler offenbart, gibt es nicht ein von diesem Arnt signiertes Werk.

          Nur echt mit hervortretender Unterlippe und Adern sowie gestählten Muskeln: Arnt Beeldesnider lässt seinen „Christus als Schmerzensmann“ aus der Kirche St. Maria Geburt Ostrum im modischen Moreskenschritt daherkommen.

          Absatzgebiet von Zwolle bis Köln

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Bis in die fünfziger Jahre dauerte es, bis die Kunstgeschichte ihm überhaupt eine ernstzunehmende Menge an Großaltären und Skulpturen mittels ihres Zuschreibungsinstruments „Händescheidung“ (in diesem Fall Lippenscheidung, verrät sich ein echter „Arnt“ doch durch die wulstig hervortretende Unterlippe) attestierte. Jetzt aber, mit neuen Ankäufen für das Kölner Museum Schnütgen, ist klar, dass dieser Bildhauer nicht nur künstlerisch in seinen besten Werken mit Tilman Riemenschneider konkurrieren kann, sondern auch eine ausgedehnte Region von seinem Hauptsitz Zwolle in den heutigen Niederlanden bis Köln und darüber hinaus belieferte.

          Die gut organisierte Werkstatt, die dies ermöglichte, verbreitete Arnts Stil auch nach seinem Tod 1492 weiter, wie im Raum „Gefragte Heilige“ augenfällig wird: Ein annähernd lebensgroßer Antonius, dem berühmten des Isenheimer Altars von Niklaus Hagenauer nicht unähnlich, nur eben eine Generation früher entstanden, war ein Auftragswerk für das Prestigeobjekt der Stadtkirche Sint Petrus in Venray, die mit achtundzwanzig Metern fast Kathedralhöhe besitzt und für die der Antonius als Seuchenheiliger entsprechend größer ausfallen musste. Daneben stehen konfektionierte Heilige in allen denkbaren Größen; eine Sancta Lucia biegt ihren Oberkörper derart stark zurück, als wolle sie Limbo unter einer Stange hindurchtanzen. Der Grund dafür ist banaler: Der Prototyp Arnts konnte im Studio so auch zur vom Erzengel Gabriel überraschten Verkündigungsmaria oder einer elegant geschwungenen heiligen Katharina umgemodelt werden. Der Pestheilige Sebastian daneben drückt ebenso stolz seine in dunkler Eiche schimmernde Brust heraus und damit den heute fehlenden Pfeilen entgegen, wie der bewegte „Christus als Schmerzensmann“ des Bildschneiders muskulös und im Moriskenschritt mit leger überkreuzten Beinen einhertanzt. Beides konnte jedenfalls einem etwaig erkrankten Betrachter Zuversicht einflößen. Die von den Skulpturen geforderte Compassio, das „Mit-Leid“, wird hier zu einem visuellen Energydrink.

          Das Pferd mit der Menschenfrisur schaut ängstlich auf das knorpelige Wesen, vom fein ziselierten Schwert läuft schon das Blut herab: „Georg besiegt den Drachen“ aus dem Georgsretabel der St. Nicolaikirche Kalkar, durch Meister Arnt von Zwolle und Werkstatt 1483–1487 geschaffen.

          Papierdünne Falten aus baltischen Eichen

          Arnts originale Namensquittung wie auch nahezu alle ihm zuzuschreibenden Skulpturen sind jetzt in acht großzügig Corona-abständig bestückten Räumen im Museum Schnütgen ausgestellt. Der zuerst arg verschmockt klingende Untertitel „Meister der beseelten Skulpturen“ wird so mit Sinn gefüllt: Steht man doch schon technisch staunend vor den fast durchgängig aus härtester Eiche geschnitzten Figuren und wundert sich über einen völlig aufgelösten Johannes, der dicke Tränen in das hauchdünne Tuch in seinen Händen weint. Oder über Faltengrate, die nach oben hin papierdünn enden, ohne auszubrechen. Arnts Pendant aus Franken hatte es da einfacher - Riemenschneider verwendete überwiegend das butterweiche Lindenholz.

          Vom niederrheinischen Sturschädel hingegen ist überliefert, dass er eine Lieferung Eichenstämme des Herzogs von Kleve ablehnte, weil diese nicht seinen Qualitätsansprüchen genügten: Er bestand auf steinharter und damit anders als die Hölzer der Kollegen aus dem Süden fast schädlingsresistenter Baltischer Eiche, die ihm über den Hafen von Amsterdam in die Werkstatt geliefert wurde. Einen Trick gab es doch, in der Feinheit der Details mit den Weichholzschnitzern mitzuhalten: Das Eichenholz wurde gekocht und dadurch geschmeidiger, bis es nach dem Auskühlen wieder zur ursprünglichen Härte, aber auch enormen Elastizität zurückkehrte.

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