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Künstlerin Alina Szapocznikow : Körperteile unter Strom

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Da verblasst selbst das Museum: Baden-Baden widmet der polnischen Künstlerin Alina Szapocznikow die längst gebotene Überblicksschau – von frühen figurativen Arbeiten zu den späteren sinnlich-grausamen Skulpturen.

          Nicht, dass man für einen sexuell befreiten Skulpturbegriff nicht dankbar wäre. Zumal in den enthemmten Sechzigern, als ein Allen Jones mit gefesselten, zu Möbelstücken degradierten Frauenfiguren Furore machte. Aber aufgetürmte Brüste in einer Dessert-Schale, die so zuckersüß verführen, dass man sogleich hineinbeißen möchte? Ein pinkfarbener Rolls-Royce aus Marmor, der statt einer Kühlerfigur einen geflügelten Penis spazieren fährt? Ein weiblicher Unterkiefer, in dem phallische Zigarettenstummel stecken? Lampen aus roten Lippen, die dem Betrachter entgegenglühen, montiert zu Zwittern aus Mensch und Maschine? Und das alles aus den Händen einer Frau, deren Leben wahrlich kein Zuckerschlecken war: Getto, mehrere Konzentrationslager, Versorgung der Häftlinge auf der Krankenstation, Unfruchtbarkeit nach überstandener Tuberkulose, Brustkrebs.

          Die Ambivalenz der Bildhauerei von Alina Szapocznikow ist bis heute so verstörend, ihr Humor und der kalkulierte Schock so bedrängend, dass man Kuratorin Luisa Heese zu ihrer Entscheidung nur beglückwünschen kann, auf eine die Wirkung verstärkende Inszenierung verzichtet zu haben. Wandtexte, Fototapeten oder strukturierende Architekturelemente fehlen gänzlich. Die Räume sind durchgehend in Weiß gehalten, das Licht intim heruntergedimmt. Man nähert sich den Plastiken auf Augenhöhe. Erstaunlich viele von ihnen stecken in Glasvitrinen. Nicht weil man sie in den Status von Reliquien versetzen möchte, sondern schlicht weil das Material, überwiegend Polyesterharz und Polyurethanschaum, aber auch Nylonstrumpfhosen oder Wolle, der Zeiteinwirkung nur schlecht standhält.

          Die zuvor in The Hepworth Wakefield in Großbritannien gezeigte und in Zusammenarbeit mit dem Museum für Moderne Kunst in Warschau entwickelte Einzelschau „Menschliche Landschaften“ ist die erste im deutschsprachigen Raum. Sie koppelt die späten, so sinnlichen wie grausamen Skulpturen zwischen Pop-Art, Nouveau Réalisme und Spät-Surrealismus an die frühen figurativen Arbeiten, die noch unter dem Einfluss des sozialistischen Realismus im Nachkriegspolen entstanden sind. So lässt sie mit mehr als hundert Werken, darunter auch Zeichnungen und Fotos, keinen Zweifel daran, dass der Körper in seiner ganzen Zerbrechlichkeit der Dreh- und Angelpunkt der 1973 mit nur 47 Jahren verstorbenen Ärzte-Tochter war.

          Eines von unzähligen Fotos in dem sehr empfehlenswerten Katalog zeigt sie 1957 im Warschauer Atelier. Noch vier Jahre zuvor posierte sie neben ihrer pompösen Skulptur von Stalin. Jetzt hantiert sie mit einem Frauentorso. Der Hals ist unnatürlich gestreckt. Die monströse Kreatur verbreitet einen Riss durch die vermeintlich heile Welt des neuen Menschen. Es ist der Beginn einer ganzen Reihe zunehmend in Fragmente zerlegter, bandagierter Leiber, die keine schmerzfreie Zeit anbrechen lassen, sondern vom unausweichlichen Ende her zu denken sind. In einer Ecke entdeckt man den blutjungen Roman Polanski, auch er ein von den Nazis verfolgter Jude. Neben ihm stehende Kameras verweisen auf den Dokumentarfilm, den er gerade über die immer berühmter werdende Kollegin für das französische Fernsehen drehte.

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