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Carolee Schneemanns Erbinnen : Die wilde Logik des Leibs

Über die Grenzen der Körper: Die Ausstellung „Up to and Including Limits: After Carolee Schneemann“ liefert in kühler Höhenluft Stoff zum Nachdenken.

          4 Min.

          Als die amerikanische Künstlerin Carolee Schneemann 2019 im Alter von 79 Jahren in New York starb, hatte sie noch die Anerkennung der breiteren Öffentlichkeit erleben können, die ihrem Schaffen gebührt. Das Museum der Moderne in Salzburg richtete der Performancekünstlerin – die sich selbst stets als eine Malerin gesehen hat – 2016 eine Retrospektive unter dem Titel „Kinetische Malerei“ aus, die danach ins Museum für Moderne Kunst in Frankfurt ging. Bei der Venedig-Biennale 2017 erhielt Schneemann den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Anschlüsse an ihr Schaffen, das maßgeblich die feministische Avantgarde mitgeprägt hat, sucht die Ausstellung „Up to and Including Limits (Bis zu den und einschließlich der Grenzen): After Carolee Schneemann“ im Muzeum Susch im schweizerischen Graubünden. Die Kuratorin Sabine Breitwieser, die schon die Schau für Salzburg einrichtete, vereint sechzig Arbeiten von dreizehn Künstlerinnen und Künstlern in der Auseinandersetzung mit Schneemann, von der zehn wichtige Arbeiten zu sehen sind.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es beginnt mit dem gemalten „Self Portrait“ der Fünfzehnjährigen von 1954/55 und führt – über die Auseinandersetzung mit Jackson Pollock oder Willem de Kooning – zu „Controlled Burning: Fireplace“ von 1963/64, einer symbolisch aufgeladenen verbrannten Holzkiste mit scharfkantigen Glas- und Spiegelscherben, die an die Kästen von Joseph Cornell erinnert. Der Schwerpunkt liegt auf fotografischen und filmischen Dokumenten von Schneemanns Performances vor Publikum. Eine Sonderstellung nimmt der Sechzehn-Millimeter-Film „Fuses“ (Zündschnüre) von 1964/67 ein, für den eine Kamera aus wechselnden Blickwinkeln sie und ihren Mann beim Sex aufnimmt, mitunter aus der Perspektive ihrer Katze „Kitch“. Was heute als ein Hauptstück des feministischen Experimentalfilms gilt, ist eine damals auch unter Frauen umstrittene Materialcollage, vielfach überarbeitet mit Feuer, Säure und Farbe. Wilder, mit mehr Witz war die Ambivalenz der – erkämpften, genießenden, erwünschten – Geschlechterbefreiung kaum zu markieren.

          Die Ausstellung sucht ihre Anschlüsse dort, wo es in der Nachfolge Schneemanns um den physischen Einsatz geht. Der Titel bezieht sich auf eine Serie von Performances in den Siebzigern, bei denen sie in einem Gurt hängend ihren Körper zum Werkzeug für Striche und andere Spuren im Raum machte, ein stundenlanger Zeichenvorgang: Sie agierte, so sagt sie es, als „direkte Nachfolgerin von Pollocks verkörperlichtem Malprozess“. Den direktesten Bezug darauf nimmt der noch junge Matthew Barney mit seinen zwei Jahrzehnte später, Ende der achtziger Jahre, begonnenen „Drawing Restraints“. Die Videos zeigen ihn in seinem Atelier, wo er sich offensichtlich absurde Hindernisse in den Weg legt, etwa beim Versuch, eine Wand hochzuklettern. Das ist, wohl von Barney beabsichtigt, nicht ohne Komik, zugleich „Action Painting“ der speziellen Art.

          Mit physischer wie psychischer Anstrengung verbunden ist, gut zwanzig Jahre später, eine der Performances aus der Reihe „21 Pornographies“ von Mette Ingvartsen. Der mehr als eine Stunde dauernde Film aus dem Jahr 2017, in dem die dänische Tänzerin und Choreographin, nackt allein auf der Bühne vor Publikum, pornographische Gesten andeutet, erzwingt nicht steuerbare Emotionen. An die Museumsbesucher delegiert ist jetzt der Konnex von Schneemanns Aktionskunst und Ingvartsens Aufführung. Das Problem ist weniger die zeitliche Distanz von vier Jahrzehnten als der Umgang mit dem eigenen sexualisierten Körper, der bei Ingvartsen etwas Zwanghaftes bekommt.

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