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August Kopisch in Berlin : Die Reise ins Mutterflammenlichtblau

Er entdeckte die Blaue Grotte, malte die pontinischen Sümpfe, schrieb das Gedicht von den Heinzelmännchen und erfand einen Ofen: Die Berliner Nationalgalerie feiert das Multitalent August Kopisch.

          Unsterblich wird August Kopisch bei einer Lustpartie. Am 17. August 1826 rudert er auf Capri mit zwei Begleitern zu einer Meeresgrotte, in der, wie es heißt, der Teufel sein Unwesen treibt. Die drei springen ins Wasser, Kopisch voran, in der Hoffnung, auf „Altertümer“, römische Statuen, zu stoßen. „Aber welch ein Schreck kam über mich, als ich nun das Wasser unter mir sah, gleich blauen Flammen entzündeten Weingeistes.“ Die drei Schwimmer, neben Kopisch der Maler Ernst Fries und der Notar Giuseppe Pagano, holen sich Papier und Stifte, um die Grotte zu zeichnen. Dann suchen sie nach einem passenden Namen. Pagano will das Naturwunder nach sich selbst benennen, Kopisch besteht auf grotta azzurra. Er setzt sich durch. Der Rest ist Geschichte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als er die Blaue Grotte entdeckt, ist August Kopisch siebenundzwanzig Jahre alt, ein verkrachter Kunststudent und Karikaturist, ein Taugenichts, wie er bei Eichendorff im Buch steht. Nach Italien gekommen, um seine von einer Schlittschuhkufe verletzte Malerhand auszukurieren, trägt er in der deutschen Künstlerkolonie von Rom launige Gedichte vor („Als Noah aus dem Kasten war, / da trat zu ihm der Herre dar“), schreibt ein Drama, das nie aufgeführt wird, reist weiter nach Neapel, dichtet, übersetzt, flaniert.

          Ein Freund des Kronprinzen

          In Breslau 1799 als Kaufmannssohn geboren, ist Kopisch zu jung, um den nationalen Rausch der Befreiungskriege aktiv miterlebt zu haben. So sucht er den Rausch des Südens. Im Juli 1827 beginnt er eine Liaison mit dem fast gleichaltrigen August von Platen, die abrupt endet, als Platen ihm allzu nah auf den Leib rückt. Noch immer hat Don Augusto prussiano, wie man ihn nennt, kein festes Einkommen; er lebt vom Verkauf von Vesuvplastiken, die er nach eigenen Zeichnungen aus Gips modelliert.

          Da begegnet er einem anderen Altersgenossen, einer verwandten Seele: dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Im November 1827 organisiert Kopisch einen Empfang für den Thronfolger, führt ihn durch Pompeji und Herculaneum und improvisiert ein Geburtstagsgedicht auf die Kronprinzessin Elisabeth. Friedrich Wilhelm ist gerührt: Er bestellt ein Landschaftsbild, ein Gipsmodell von Capri und zwei Porträts. Von da an hat Kopischs Leben ein Ziel. Im nächsten Herbst reist er über Weimar, wo er vergeblich bei Goethe antichambriert, nach Breslau zurück. Vier Jahre später zieht er nach Berlin und reiht sich in die Schlange der Künstler ein, die auf die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms warten, um von ihm Pfründen zu empfangen. Die meisten Zeichnungen und Gemälde, die in der Kopisch-Ausstellung der Berliner Alten Nationalgalerie zu sehen sind, entstehen in dieser Zeit.

          Man muss so weit ausholen, um zu erklären, warum die längst fällige und angemessen zelebrierte Wiederentdeckung Kopischs in der Stadt seiner Reife- und Altersjahre zugleich ein Augenöffner und ein Erlebnis der Befremdung ist. Denn dieses Künstlerleben, das von Schlesien über den Golf von Neapel ins Hofmarschallamt des Königs von Preußen führt, bietet eine vielsagende Fußnote zur Geschichte der preußischen Aufklärung, die demnächst im Humboldtforum ihr Mausoleum erhalten soll.

          Furcht vor der Stickluft der Restauration

          Auch Humboldt hat ja als Nestflüchter begonnen, seine Blaue Grotte ist der Chimborazo. Und auch Kopisch fürchtet sich, als er nach Deutschland zurückkehrt, vor der Stickluft der Restauration. Als Gegenmittel tritt er in Berlin der Neuen Mittwochsgesellschaft bei, zu der auch Chamisso und Eichendorff gehören. Auf einem Erinnerungsblatt von 1866, das ebenfalls in Berlin gezeigt wird, sind sie alle vereint: Humboldt, Eichendorff, Schelling, Meyerbeer, Rauch, Jakob Grimm, Bettina von Arnim, der aus seinen Dichtungen lesende Ludwig Tieck - und hinter ihm, in heller Weste über dem Embonpoint, August Kopisch. In Preußen gehört die Aufklärung zur Romantik und umgekehrt.

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