https://www.faz.net/-gqz-z1mj

Audioguides : Der Betrachter ist im Ohr

  • -Aktualisiert am

Bild: Antenna Audio

Erfunden wurde der Audioguide in Amerika. Die Museen hat er aber auch in Deutschland im Flug erobert: Allerorten stehen die Besucher mit Kopfhörern vor den Werken. Macht der Audioguide sie dümmer oder klüger? Ein Rundgang mit Hörbeispielen.

          Zunächst die Zahlen: 240.000 Benutzer haben in den letzten drei Monaten die von der Londoner National Gallery auf iTunes angebotene Anwendung „Love Art“ heruntergeladen, einen akustischen und visuellen Kurzführer zu zweihundertfünfzig Gemälden der Sammlung, der vom Benutzer zum Parcours zusammengestellt werden kann. „Love Art“ ist damit die dritterfolgreichste Anwendung, die im Segment „education“ im iTunes-Store angeboten wird. Ein verblüffender Erfolg; nur zehn Prozent der Angebote erreichen mehr als zehntausend Benutzer.

          Aber es geht weiter. Als 2007 die Neue Nationalgalerie in Berlin die Ausstellung „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ zeigte, ließen sich 250.000 der 677.000 Besucher von einem Audioguide führen. 250.000 Menschen kamen in diesem Jahr, um im Sprengel Museum in Hannover „Marc, Macke und Delaunay“ zu sehen, dreißig Prozent liehen sich auch hier einen Audioguide aus. Jeder Dritte griff auf die akustische Führung zurück, als die Meisterwerke des „MoMA in Berlin“ 2004 gezeigt wurden oder „Ägyptens versunkene Schätze“ in Berlin, Paris und Madrid. Allein den Audioguide für Kinder, den die Neue Nationalgalerie für „Das Universum Klee“ anbot, nahmen vierzehn Prozent der Besucher in Anspruch - darunter vermutlich auch der ein oder andere Erwachsene. Beim Internetanbieter libri.de können Audioguides heruntergeladen werden. Und schließlich hat der Kunstverlag Hatje Cantz Verlag kürzlich die Reihe „Kunst zum Hören“ gestartet, in der Audioguides mit einem opulent bebilderten Begleitbuch im Buchhandel zum Kauf angeboten werden. Den Anfang machte „Der Meister von Flémalle“, eine Schau des Frankfurter Städel Museums; zuletzt erschien „Modell Bauhaus“, eine Ausstellung, die noch bis zum 4. Oktober in Berlin läuft.

          Und nun die Frage: Kann man sich darüber freuen? Wie verändert diese Rezeptionsform unser Museum? Ist es wünschenswert, dass Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit Kopfhörern vor Bildern und Skulpturen stehen?

          Was als gesichert gelten kann, ist, dass der Audioguide gegenwärtig alle herkömmlichen Vorstellungen davon, wie Kunst rezipiert wird, überrollt. Was Philosophen und Kunsttheoretiker in den letzten zweihundertfünfzig Jahren geschrieben haben, erklärt ein kleines Gerät, das wegen seiner Benutzerfreundlichkeit meist nicht schwieriger zu handhaben ist als eine Fernsehbedienung in den achtziger Jahren, für null und nichtig. Kunst, so die gängige Idee, wirkt von selbst; sie erfüllt und überwältigt, weshalb der höchste Kunstgenuss angeblich dann eintritt, wenn Betrachter und Bild unter sich sind, Auge in Auge, ohne störendes Beiwerk wie Texte oder Erklärungen.

          Religiöses Erweckungserlebnis

          Die Gründungsväter der Kunstgeschichte beschreiben die Begegnung mit Gemälden oder Skulpturen im achtzehnten Jahrhundert als eine Art religiöses Erweckungserlebnis: Wilhelm Heinrich Wackenroders Blick im Petersdom „schwebt jauchzend hinauf“, und Ludwig Tieck gibt an, „mit dem heiligen Schauer in die Sestina“ eingetreten zu sein, um Michelangelos „Jüngstes Gericht“ zu betrachten. Wolfgang Ullrich hat Wackenroder und Tieck in seinem lesenswerten Buch „Raffinierte Kunst“ dafür die „Karl Mays der Kunstgeschichte“ genannt, da beide die beschworenen Werke nicht im Original sahen. Doch auch wenn sie selbst nicht zu den Kunstreisenden zählten, ihre idealtypischen Entwürfe der Kunstbetrachtung prägten Generationen. Womit keiner von ihnen rechnete: Heute greifen neunzig Prozent der Besucher zum Audioguide, wenn er im Eintrittsgeld inbegriffen ist; zehn bis dreißig Prozent sind bereit, dafür zwischen zwei und fünf Euro gesondert zu bezahlen, Tendenz steigend.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapolitik : Der Offenbarungseid der Merkel-Ära

          Der Klimaschutz in Deutschland muss nicht nur das Klima retten. Die Koalition denkt auch an sich. Zwischen Protestkultur von links und rechts sucht sie den Mittelweg.
          Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses, Adam Schiff von der Demokratischen Partei, am Donnerstag im Kongress

          Whistleblower belastet Trump : Die Spur führt nach Kiew

          Ein Mitarbeiter des Geheimdienstes macht Donald Trump schwere Vorwürfe. Dessen Regierung versuchte, die Informationen des Whistleblowers zu unterdrücken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.