https://www.faz.net/-gqz-a1uw3

Astrid Klein in München : „Bei Retrospektive erschieße ich mich“

  • -Aktualisiert am

Gefährliche Umarmung: Eine Fotocollage von Astrid Klein aus dem Jahr 1979 Bild: Astrid Klein / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Eine Neun-Millimeter-Pistole hat Astrid Klein schon für ihre Kunst benutzt. In der Münchner Pinakothek der Moderne, wo sie Arbeiten über Weiblichkeit zeigt, setzt sie strikte Abstands-Regeln durch.

          4 Min.

          Die Künstlerin Astrid Klein versteckt sich gern in der Münchner Pinakothek der Moderne. Eine sechs Meter hohe Spiegelwand – schon beim Aufstieg aus der Rotunde oberhalb der Treppe nicht zu übersehen – hat sie mit einer Neun-Millimeter-Pistole durchschossen. Das ist im Moment die einzige Spur von ihr. Patronen stecken noch in manchen Löchern, aber sind nicht mehr warm. Ist die Flüchtige eine Konzeptkünstlerin mit hochrotem Kopf, die im Vorbeihetzen diese Spiegel übel zugerichtet hat? Schießt sie aus der Hüfte?

          Ganz im Gegenteil. Astrid Klein geht kühl und besonnen vor. Das Craquelé, das jeden Einschuss-Stern zur Blume macht, wurde akribisch von ihr geplant und Sprung für Sprung mit dem Hämmerchen gezeichnet, der Schuss allein gab es nicht her. Sie will sich als Malerin verstanden wissen und ihr nüchternes Material als Antithese zu den gewaltigen Motiven. Die zwei Raster – das erste der Spiegelplatten und das zweite der Scherben – sind hier die harten Grenzen der Collagetechnik, die es in ihren Werken so oft zu finden gilt. Jetzt tritt Klein hinter einer Wand hervor und gibt sich zu erkennen, gänzlich unbewaffnet. „Wenn man älter wird, schaut man lieber in die Zukunft als zurück“, sagt die 1951 geborene Klein mit einem Lächeln, das sich des Widerspruchs bewusst ist. Und erklärt: „Bei ,Retrospektive‘ erschieße ich mich.“

          Die Spiegelwand hat als einzige nicht in den Klein gewidmeten Künstlerraum gepasst.
          Die Spiegelwand hat als einzige nicht in den Klein gewidmeten Künstlerraum gepasst. : Bild: Astrid Klein / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

          In der Pinakothek der Moderne bestand diese Gefahr für sie nicht. Hier waltet die puristische Kraft von Corinna Thierolf, der scheidenden Gründungskuratorin des Hauses. In den letzten Jahren hat Thierolf die sogenannten Künstlerräume ins Leben gerufen hat, um darin einzelne einst getrennte Werkgruppen zu vereinen. „Jede Galerie will für sich nur das beste Flavin-Monument haben“, sagt sie. „Dabei wollte Flavin, dass sie aufeinander bezogen werden, so wie hier.“ Für ihren letzten Streich hat sie Astrid Klein einen Künstlerraum gewidmet, in dem eine Sechsereinheit wiederhergestellt wird. Zwei vorhandene Werke konnten dank einer Stiftung um vier Neuerwerbungen ergänzt werden. Sie alle hängen sich auf dem quadratischen Grundriss des Raumes gegenüber. Vergangene Woche wurde der Künstlerraum als Ausstellung eröffnet.

          Thierolf vergleicht diese Sammlungsstrategie mit einem Orchester, in dem ihr die Soli besonders wichtig seien. Das trifft sich gut, denn Astrid Klein komponiert ihre Collagen regelrecht und kann dabei jedes Material wie auch seine Harmonien hören. Nicht bloß ihre Textschnipsel aus Literatur, Philosophie und Regenbogenpresse, die bei ihr keinen Primat mehr vor den Bildern haben, klingen für sie; auch die Fotografien, deren Urheberschaft sie von sich weist, und die abstrakten malerischen Elemente, die sie mit Nachdruck für sich reklamiert.

          Klatschzeitschrift oder Diktatur?

          „Dass vollkommene Liebe die Angst austreibe“, steht wie eine Glückskeks-Botschaft über der Umarmung einer Frau durch einen Mann. Er hat die Augen sinnlich geschlossen, seine Nase in ihre verwuschelten Haare vertieft. Sie sieht unbehaglich aus, doch käme nicht weg, rücklings wird ihr Arm von ihm fixiert. Die Fotoarbeit von 1979 hat ein Pendant aus dem Vorjahr, erst jetzt hängt es daneben und darf ihr antworten. Ein anderer zweifelhafter Gentleman hat seine Partnerin neckisch von hinten am Schopf gepackt. Nur an ihrer Mimik, die dem Betrachter zugewandt ist, wird auch die Spannung ablesbar, unter der Augenlider und Lippen stehen müssen. Darin liegen die Parallelen zu der Umarmung/Angstaustreibung, die hier bereits bekannt war. „Eine Frau muss geliebt werden und sie muss wissen, dass sie geliebt wird“, rät diesmal der Blätterwald, den Klein als Fundus benutzt, seit sie als junge Frau in den Keller eines Pariser Zeitungskiosks herabgestiegen ist und dort ihre Schere ausgepackt hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Prominenz ohne Abstand auf der Ehrentribüne des FC Bayern: unter anderem mit Ehrenpräsident Uli Hoeneß und Präsident Herbert Hainer (rechts daneben)

          Aufregung um FC Bayern : Münchner Eigentor

          Dass die Funktionäre des selbstverliebten FC Bayern ganz offensichtlich gegen das Hygienekonzept der Bundesliga verstoßen und sich so Millionen Menschen präsentieren, ist unfassbar naiv. Oder eine gezielte Provokation?

          Moria : Wie viele Flüchtlinge sollen kommen?

          Mehrere deutsche Städte wollen Flüchtlinge aus Griechenland aufnehmen. Ein Landrat von der CDU warnt deshalb vor einer „Sogwirkung“. Eine SPD-Oberbürgermeisterin hält das für zynisch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.