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Geheimdienste und Kunst : Als sich die Stasi selbst stasifeindliche Poeme schrieb

  • -Aktualisiert am

Mit Bulldozern, Dreck und Gedichten: Die Schau „Artists & Agents. Performancekunst und Geheimdienste“ im Hartware Medienkunstverein in Dortmund zeigt, wie Geheimdienste gegen Künstler vorgegangen sind.

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          Dem „Zentrum für politische Schönheit“ wird irgendwann als wesentlicher Ertrag vielleicht einmal zugeschrieben werden, staatsanwaltliche Ermittlungen auf sich gezogen zu haben. Mit seinen künstlerischen Interventionen trat es damit im vorigen Jahr, wenn auch unfreiwillig, den Beweis an, dass so etwas in diesem Land überhaupt möglich ist: dass Künstler von Staats wegen in den Verdacht der „Bildung einer kriminellen Vereinigung“ geraten können – das war in der Bundesrepublik bis dato neu. Das Verfahren wurde eingestellt, als die Öffentlichkeit davon erfuhr. Selbst die auf medialen Krawall gebürsteten Berliner Aktionisten hatten mit solcher Art behördlicher Befassung kaum gerechnet, und in der Tat verbindet man diese mit einem autoritären Staatswesen, das in künstlerischer Provokation sogleich einen Anschlag auf sich selbst erkennt.

          Gerade deshalb erscheinen die bedenklichen Aktivitäten des Geraer Staatsanwalts als Seismograph für die feinen und weniger feinen Spannungen, denen sich eine demokratisch verfasste Gesellschaft auch von innen heraus ausgesetzt sehen kann. Hoffentlich ein Einzelfall, doch ob besagtes Zentrum nicht ebenso „auch vom Verfassungsschutz beobachtet worden ist, wissen wir nicht“, schreiben Kata Krasznahorkai und Sylvia Sasse im Magazin zu der von ihnen gemeinsam mit Inke Arns kuratierten Ausstellung „Artists & Agents“ im Dortmunder Hartware Medienkunstverein – einem künstlerisch-dokumentarischen Überblick über die Umtriebe der Überwachung in Ländern, die bis 1989 an den Warschauer Pakt gekettet waren. „Performancekunst und Geheimdienste“ gehen in dieser Gruppenschau Verbindungen ein, die aus heutiger Sicht leicht als bizarres Kuriosum anmuten mögen, aber geeignet und darauf angelegt waren, künstlerische Existenzen einzuschüchtern, mundtot zu machen, zu zerstören.

          Wie im Dortmunder Medienkunstverein üblich, dient die Schau auch mit begrifflicher Orientierung. „Kunsthistoriker in Zivil“ nannte das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR seine Spitzel, die speziell auf die Kunstszene angesetzt waren und sich bisweilen selbst als Künstler tarnten, um aktiv in Aktionen einzugreifen. Als „Tschekisten“ galten Informanten mit einem „sechsten Sinn“ für den Klassenfeind, ausgestattet mit dem angemessenen „tiefen Gefühl von Hass, Abscheu, Abneigung und Unerbittlichkeit“, wie sie beim zuständigen Minister Erich Mielke hoch im Kurs standen. Nicht jeder „Inoffizielle Mitarbeiter“ verfügte dafür über die nötige Kompetenz; ein Studiengang „Operative Psychologie“ war 1965 an der Juristischen Hochschule Potsdam-Eiche ins Leben gerufen worden, einer Universität, deren Ausbildung der Stasi allein zugutekam. Gelehrt wurde hier, wie etwa „operative Legenden“ erzeugt werden können, um mit fiktiven Sachverhalten auf Personen einzuwirken, sie zu bestimmtem Verhalten zu veranlassen; dafür galt es „Kompromate“ ins Spiel zu bringen, also kompromittierende Belege und Beweisstücke für angebliches moralisches oder juristisches Fehlverhalten – nicht zuletzt mit dem Zweck, unbescholtenen Bürgern die Mitarbeit abzupressen. Als „Tipper“ führte die Stasi jene Spürnasen unter den Schnüfflern, die im Auftrag des Ministeriums verlässliche Mitarbeiter auftun sollten.

          In Künstlerkreisen und der Kunstszene praktizierte die Stasi eine „performative Zensur“ und setzte auch die Kunstwelt generell der „vorbeugenden Überwachung“ aus. Sie fingierte plötzliches Unheil wie Wasserrohrbrüche oder entsandte anonyme, scheinbar aus dem Nichts auftauchende „Rowdys“, um Ausstellungen zu unterbinden und zu sprengen. Im Fall des Ost-Berliner Galeristen Jürgen Schweinebraden sollten im Hausflur ausgelegte Pornos, Abfall, irgendein Dreck dessen Tätigkeit diskreditieren, die darin bestand, Künstler aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR zu zeigen. Die Stasi verschickte Einladungskarten mit falschem Datum oder, man glaubt es kaum, stasifeindliche Gedichte an Künstler, um diese dazu zu verleiten, ihre Gesinnung zu offenbaren.

          Zu den bekanntesten Aktionen der beschatteten Künstlerinnen und Künstler selbst wiederum zählt eine Performance, die Sanja Ivekoviæ am 10. Mai 1979 in Zagreb in Fotos festhielt: Während sich auf der Straße Präsident Tito in einem Autokorso feiern ließ, fläzte sich die Künstlerin auf ihrem Balkon mit einem Whiskey in der Hand und suggerierte einem Scharfschützen auf einem Dach gegenüber, sich selbst zu befriedigen. „Triangel“ nannte die 1949 geborene Künstlerin sinnfällig ihre Aktion. Eine sichtbare Reaktion des Überwachers ist nicht überliefert. Als Zensurmaßnahme in der Sowjetunion ging die „Bulldozerausstellung“ von 1974 in die Annalen des KGB ein. Vor den Toren Moskaus hatte eine Gruppe von Künstlern auf weitem, brachem Feld eine öffentliche Bilderschau geplant, gegen die die Geheimdienstler mit schwerstem Gerät – eben brachialen Geländefahrzeugen – vorgingen und die Werke buchstäblich plattmachten.

          Ganz offenkundig genießt er seinen Auftrag

          Simon Menner dokumentiert grotesk anmutende Verkleidungsseminare der Stasi, Arwed Messmer setzt eine besonders makabre Praxis der Grenzschützer in Szene: Sie nötigten aufgegriffene Flüchtige, in die von ihren Schleusern hergerichteten Pkw-Kofferräume zurückzukriechen, um sie als in flagranti ertappt zu fotografieren und aktenkundig zu machen. Eine Praxis, die Messmer an einer großen Bilderwand vorführt. Unter einer Plexiglashaube präsentiert Daniel Knorr einige, zu einem Haufen aufgetürmte amorphe Klumpen, die der in Berlin lebende, in Bukarest geborene Künstler vom Leipziger Stasi-Museum erhalten hat: Papiere und Mikrofilme hatten die Geheimdienstler vor der Wiedervereinigung eilends geschreddert, zermahlen, mit Öl und Wasser versetzt, um das Gedächtnis von Akten und Archiv auszulöschen.

          In einem besonders skurrilen Fall veranstaltete die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer in ihrem Atelier ein Fotoshooting mit einem Transvestiten, der sich in den Schwarzweiß-Bildern nach und nach entblößt, auf einem Stuhl Platz nimmt, aufreizend vor der Kamera posiert. Was die Fotografin nicht wusste: Bei ihrem Modell handelte es sich um den Spitzel „Winfried“, den ihr die Stasi geschickt hatte und der seinen Auftrag als Transe ganz offenkundig genießt. So sehr, dass der Informant glaubhaft als Künstler wirkt. In der DDR wurden die daraus hervorgegangenen Serien naturgemäß nicht auf die Öffentlichkeit losgelassen: „Trans sitzend“, „Trans im Rollenspiel“, „Trans in Licht und Schatten“ – ein denkwürdiges Zeugnis von staatlich gesteuerter Performance hinter dem Eisernen Vorhang. Und eine Wiederentdeckung.

          Artists & Agents. Performancekunst und Geheimdienste. Im Hartware Medienkunstverein, Dortmund; bis zum 19. April. Der Katalog kostet 34 Euro, ein informatives Magazin, das auch online abrufbar ist, 5 Euro.

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