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Artemisia Gentileschi : Weitermalen gegen alle Widerstände

  • -Aktualisiert am

Die „Danaë“ von Artemisia Gentileschi Bild: Saint Louis Art Museum

Die National Gallery in London zeigt den Élan vital von „Artemisia“. Die grandios inszenierte Schau demonstriert die Affinität der Künstlerin zu heroischen Frauenfiguren.

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          Eines der aufschlussreichsten Exponate der mit Spannung erwarteten Artemisia-Gentileschi-Ausstellung in der Londoner National Gallery ist mit einem Durchmesser von 5,35 Zentimetern zugleich das kleinste. Es handelt sich um eine seltene Bronzemedaille der Künstlerin im Profil. Sie wird um 1625 datiert, als die Porträtierte die Dreißig gerade überschritten hatte, und ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Nicht nur, dass die Reliefdarstellung das kraftvolle Temperament der Künstlerin prägnant erfasst in einer Form, die das erstarkte künstlerische Selbstbewußtsein der Epoche spiegelt. Mit ihrem zerzausten Haar und den geschwungenen Augenbrauen trägt Artemisia Gentileschi zudem Attribute der Personifikation der Malerei, wie sie der Gelehrte Cesare Ripa 1593 in seinem maßgeblichen Kompendium der Begriffsbilder beschrieben hatte, an das sich die Künstlerin einige Jahre später bei der Konzeption ihres berühmten allegorischen Selbstporträts in der Sammlung der britischen Königin ebenfalls anlehnte.

          Weit davon entfernt, die Künstlerin als Opfer patriarchalischer Unterdrückung darzustellen, belegt allein schon die Anfertigung einer solchen Medaille das zeitgenössische Ansehen, das sich Gentileschi erkämpfen konnte. Bezeichnend ist freilich auch, dass die Beschriftung ihr Geschlecht gleich doppelt unterstreicht – mit dem feminisierten Familiennamen Gentilesca und der Bezeichnung „Pictrix Celebris“, berühmte Malerin, als habe der unbekannte Medailleur jene weibliche Sensibilität bildhaft machen wollen, die der in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts von der Wissenschaft und der Belletristik zur proto-femininistischen Ikone stilisierten und sentimentalisierten Künstlerin so gerne zugeschrieben wird.

          Grandios inszenierte und kuratierte Schau

          Obwohl die Londoner Ausstellung das Ineinandergreifen von Leben und Werk aufzeigt, versucht es sich von dieser frauenkämpferischen Deutung zu distanzieren. Den tristen Rahmen der Kellerräume der National Gallery sprengend, legt die grandios inszenierte und kuratierte Schau dar, wie die resolute Artemisia aus dem Schatten des Vaters hervorgetreten ist und sich Kraft ihres Talents und ihrer Zielstrebigkeit als eigenständige Meisterin der Barockmalerei durchgesetzt hat.

          „Judith und ihre Magd mit dem Haupt des Holofernes“
          „Judith und ihre Magd mit dem Haupt des Holofernes“ : Bild: Gabinetto fotografico delle Gall

          Es ist die Geschichte einer künstlerischen Emanzipierung, die im römischen Atelier Orazio Gentileschis beginnt, wo die Tochter das väterliche Handwerk lernte. Dort spielte sich 1611 das Drama der Vergewaltigung durch den Maler Agostino Tassi ab, das den Blick der Nachwelt auf die Person und das Werk Artemisias dahingehend bestimmt hat, dass selbst ihr Debüt als Siebzehnjährige mit der „Susanna und die beiden Alten“ aus Pommersfelden im Lichte dieses Traumas interpretiert wird. Dabei ist das Gemälde davor entstanden.

          Außerdem ist fraglich, wie eigenständig die von Artemisia signierte Darstellung ist. Sie ist zumindest unter starker Einwirkung des Vaters entstanden, wie die Nebeneinanderstellung des noch stark dem väterlichen Manierismus verhafteten Jugendwerkes Artemisias mit Orazio Gentileschis „Judith und ihre Magd mit dem Haupt des Holofernes“ im ersten Raum verdeutlicht.

          Vater oder Tochter?

          Die stilistischen Ähnlichkeiten erschweren in dieser Phase sichere Zuschreibungen an Vater oder Tochter und stellen die Behauptung in Frage, die eindringliche Abbildung der Verletzbarkeit der entblößten Susanna und des männlichen Komplizentums sei auf die weibliche Autorenschaft zurückzuführen. Im selben Räum hängt ihre intime, auf Kupfer gemalte „Danaë“ in der selben erotischen Pose wie die oftmals Orazio Gentileschi zugeschriebene Kleopatra aus der Sammlung des italienischen Modeunternehmers Gerolamo Etro.

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