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Artemisia Gentileschi : Weitermalen gegen alle Widerstände

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Selbstporträt von Artemisia Gentileschi als Malerin
Selbstporträt von Artemisia Gentileschi als Malerin : Bild: Royal Collection Trust

Bei der „Danaë“ präsentiert sich die gleiche Ambiguität zwischen orgasmischer Hingebung und zähneknirschendem Ertragen des sexuellen Übergriffes wie in Tizians Version des mythologischen Themas, die noch zwei Stockwerke höher in der Ausstellung der „Poesie“ nach Ovids Metamorphosen hängt. Artemisias Geschändete liefert sich genauso verführerisch dem männlichen Blick aus wie die Danaë Tizians.

Überhaupt ließ Gentileschi sich durch ihr Geschlecht nicht davon abhalten, den Bedarf nach Erotik unter dem Vorwand der Religiosität nachzukommen. Selten ist die Magdalena so sinnenfreudig dargestellt worden wie in dem 2014 im Pariser Handel aufgetauchten Gemälde Artemisias, das die Bemerkung des französischen Enzyklopädisten Charles de Brosses beim Anblick von Berninis „Verzückung der Heiligen Theresa“ in Erinnerung ruft, wenn das die himmlische Liebe sei, kenne er sie auch. Ihr könne man schon auf dieser Welt in Fleisch und Blut begegnen.

Explosives Wesen

Das war Artemisia nur zu bewusst. Ihr Auftritt in dem von ihrem Vater gegen Tassi angestrengten Vergewaltigungsprozess belegt es ebenso wie ihre vor knapp zehn Jahren in einem Florentiner Archiv entdeckten Liebesbriefe, von denen einige in London zu sehen sind. Die Abschrift des Verfahrens ist auf der Seite geöffnet, in der die grausame Folter zu Protokoll gegeben wird, der sie sich unterzog, um die Wahrheit ihrer Aussage zu beweisen. Finger und Daumen durch immer enger gezogene Stricke zusammengepresst, warf sie Tassi vor, dass dieses Folterinstrument der Ring sei, den er ihr schenkt.

Das explosive Wesen, das ihr ermöglichte, sich gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu behaupten und dramatisch aufgeladene carravageske Kompositionen zu entwerfen, wie die oftmals als rächende Verarbeitung ihrer gewaltsamen Entjungferung gedeuteten Enthauptungen des Holofernes, drückt sich auch in der Handschrift aus. Vor Gericht gestand Artemisia, nicht schreiben und kaum lesen gelernt zu haben. Das holte sie in einem enormen Kraftakt nach, als sie unmittelbar nach dem Prozess nach Florenz zog und dort in gebildeten Kreisen begann, neue Einflüsse aufzunehmen.

„Corisca und der Satyr“
„Corisca und der Satyr“ : Bild: Private Sammlung

Affinität zu heroischen Frauenfiguren

Den Anstoß für die Londoner Schau gab vor zwei Jahren der Ankauf des Selbstporträts als Heilige Katharina, eines von mehreren Gemälden, die in den letzten Jahren der verstärkten Aufmerksamkeit auf ihr Werk wieder zum Vorschein gekommen sind. Die lange Vernachlässigung ist allerdings weniger der vermeintlichen Diskriminierung weiblicher Kreativität zuzuschreiben, als der allgemeinen Geringschätzung der italienischen Barockmalerei, die erst im zwanzigsten Jahrhundert wieder zur Geltung kam. Bei Artemisia traf dies zusammen mit dem neuen Feminismus, bei dem die Künstlerin mit ihrer Biographie und ihrer Affinität zu heroischen Frauenfiguren und Märtyrerinnen besonderen Anspruch fand.

Die Neuerwerbung der National Gallery dient denn auch als Ausgangspunkt für eine Betrachtung der Selbstidentifizierung Artemisias mit den Schicksalen ihrer weiblichen Sujets. Nicht nur die der Heiligen Katharina an einer Wand nebengestellten Variationen des Selbstporträts in verschiedener Verkleidung zeigen, wie sich die Künstlerin ihres eigenen Konterfeis bediente. Dass ihre Züge in den kräftigen Frauengestalten immer wieder erkennbar sind mag allerdings auch eine praktische Ursache haben. Sie malte, was sie am besten kannte mit der Emphase der Erfahrung.

Der in London nachgezeichnete Werdegang zeigt ihre oft durch die Anforderungen des Marktes an den jeweiligen Stationen ihres Lebens bedingte Anpassungsfähigkeit. Die Ironie des Emanzipationsprozesses liegt darin, dass ihre Kunst unebener und schwächer wird, je weiter sie sich von den großen Würfen der jungen Jahre entfernt.

Artemisia. In der National Gallery, London; bis 24. Januar 2021. Der Katalog kostet 30 Pfund.

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