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Art brut in Paris : Bloß nichts Etabliertes!

Originell und schräg genug? Zwei Ausstellungen in Paris zeigen frühe Beispiele der Art brut. Die Sammlungen, die in psychatrischen Einrichtungen entstanden sind, ergründen auch die Verbindung zwischen Geisteskrankheit und künstlerischem Ausdruck.

          Im Sommer 1945 reisen drei Pariser zwei Wochen lang durch die Schweiz. Einer von ihnen, Jean Paulhan, wird später eine launige Beschreibung dieser Tour als schmales Bändchen veröffentlichen. Seine Mitreisenden tauchen darin auf als der Architekt Auxionaz und der Maler Limérique, der heimgesucht sei von der Idee einer unmittelbaren Kunst, die er „art brut“ nenne und deren Grundelemente er bei Verrückten und Gefängnisinsassen zu finden denke: „Würde er von einem Bären in irgendeinem Kanton hören, der sich ans Malen gemacht hat, er schösse sofort hin.“

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Architekt ist Le Corbusier, und beim Maler handelt es sich um Jean Dubuffet, dem kurz zuvor, nicht zuletzt dank Paulhans Unterstützung, in Paris ein später Durchbruch gelungen war, der noch zu einer steilen internationalen Karriere führen sollte. Dubuffet brillierte in raffiniert ungelenken und „rohen“ Bildern, denen er das Programm einer Kunst mit „anti-kulturellem“ Gestus unterlegte, die auf Kunst im etablierten Sinn gar nicht abziele, diesen Anspruch vielmehr unterlaufe. Was ihm selbst aber Raffinement abverlangte, das würden von Kunst- und Kulturansprüchen weitgehend unberührte Amateure auf direktem Weg hervorbringen, als „art brut“ (die „Kunst“ zu nennen zwar nicht unbedingt konsequent, aber schon aus polemischen Gründen schwer zu umgehen war).

          Entscheidend war und blieb, dass Dubuffet dieses Programm mitnichten bloß zur eigenen Profilierung verwendete, sondern ernst nahm: Er begann im großen Stil zu sammeln und initiierte schließlich durch die Schenkung seiner auf mehrere tausend Werke angewachsenen Kollektion das Mitte der siebziger Jahre eröffnete erste Museum der Art brut in Lausanne.

          Im Sommer vorigen Jahres zeigte man ebendort eine schöne Ausstellung zur Genese von Dubuffets Sammlung seit 1945. In der Pariser Maison Victor Hugo geht man nun noch weiter zurück, um die „Wurzeln der Art brut“ vor Augen zu führen, nämlich ihr Anknüpfen an Sammlungen, die in psychiatrischen Einrichtungen entstanden waren. Die Pariser Ausstellung präsentiert dazu ausgewählte Werke aus vier solcher Sammlungen.

          Am weitesten zurück führt hier der Weg zu einer Kollektion, die von 1834 an im schottischen Crichton entstand, wo W. A. F. Browne – angeregt durch Pinels und Esquirols Reformen des Anstaltswesens in Frankreich – seine Patienten, in der Mehrzahl aus besseren Kreisen, zu künstlerischen Tätigkeiten anhielt. Die zweite vorgestellte Sammlung, von 1900 an in Villejuif und später am Pariser Psychiatrischen Krankenhaus Saint-Anne entstanden, wurde von Auguste Armand Marie, einem Schüler Jean-Martin Charcots, aufgebaut. 1966 gingen mehrere hundert Werke dieser schon zu Lebzeiten ihres Gründers in Teilen zerstreuten Sammlung durch eine Schenkung in Dubuffets Kollektion ein und befinden sich heute in Lausanne.

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