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Architekturbiennale in Venedig : Zur Hölle mit den Betonwüsten

  • -Aktualisiert am

Stehlen, verziert mit goldenen Mosaiken. „The sky over nine columns“ des deutschen Künstlers Heinz Mack. Bild: AP

Das letzte Jahrhundert hätte ein weltweites Paradies bauen können, Was wurde aus dieser Chance gemacht? Die 14. Architekturbiennale in Venedig hält Rückschau auf hundert Jahre Moderne.

          5 Min.

          Den stärksten Eindruck am Eröffnungstag der Biennale hinterließ nicht die Ausstellung, sondern das Leben. Am späten Nachmittag schlenderten erschöpfte Besucher über die Straße, die zwischen dem Arsenale und den Giardini, den beiden Hauptorten des Ausstellungsparcours, auf die Lagune zuläuft. Dolce far niente, gemischt mit der Geschäftigkeit eines späten Samstagnachmittags, dem zwei Feiertage folgen werden. Plötzlich schiebt sich vom Meer her ein Hochhaus direkt auf die Straße zu. In Sekundenbruchteilen ist der Blick auf die Lagune verstellt. Man zuckt unwillkürlich zurück. Dann wird deutlich, dass ein Ozeanriese auf den Uferkai zuhält. Er dreht bei, die gigantischen Schiffsaufbauten und gestapelten Promenadendecks verschwinden. Gleich darauf ist der Blick auf die Lagune wieder frei. Der Schreckensmoment, dieses blitzartige Gefühl, von einem Riesen der Moderne überrollt zu werden, schwindet langsamer.

          Seit Jahren predigen Umwelt- und Seefahrtexperten, dass die Ozeanriesen und Kreuzfahrtschiffe mit ihren Bugwellen tödlich für Venedigs Fundamente und Kanäle sind. Und seit ebenso vielen Jahren ignorieren Reedereien, Reiseunternehmen und Reisende, Stadt- und Hafenverwaltung diese Warnungen. Schön und zerbrechlich wie ihre Gondeln empfängt die Stadt tagtäglich die Kolosse und taumelt damit gutgelaunt ihrem Untergang entgegen. Womit sie diesmal mehr denn je der ideale Ort für eine internationale Architektur-Biennale ist. Denn die legt unter der Leitung von Rem Koolhaas, dem Superstar und Geiselmönch der Gegenwartsarchitektur, gnadenlos Rechenschaft ab über den Gang der Moderne zwischen 1914 und 2014.

          Dinosaurier des überholten Industriezeitalters

          Biennale 2014 – das ist ein Rückblick, so fassungslos und starr wie der von Giorgiones weltberühmter Medusa. Er macht die Präsentation zur eindringlichsten, ernsthaftesten und verwirrendsten seit vielen Jahren. Und, so frivol dies im ersten Moment klingen mag, auch zur schönsten. Denn wann hat man zuletzt eine so fesselnde Bildfolge betrachten können wie zum Beispiel die über das Werden des Mailänder Doms? Im Arsenale ist er Teil eines Abschnitts, der Mailand als europäisches Laboratorium des Städtebaus schlechthin zeigt. Zunächst erscheint ein schlichtes viereckiges Provisorium, das nicht ahnen lässt, welchen Rausch an gotischen Pfeilern und Gewölben das Innere birgt. Dann zeigen menschenwimmelnde manieristische und barocke Gemälde das Entstehen der opulenten Fassade, endend in wahren Feuerwerken aus Pfeilern und Fialen, Säulen und Bögen. Bis dann der architektonische und politische Größenwahn nach 1914 in Plänen für einen Campanile schwelgt, der zum Himmel ragt, als wolle er das Empire State Building Italiens und Europas werden.

          Wer das Beispiel Mailand auf sich wirken lässt, hat zuvor schon ein atemberaubendes Labyrinth der Irrungen und Wirrungen des 20. Jahrhunderts durchlaufen. Seinen Auftakt bilden Beispiele einer Moderne, die sich, anders als die Bauhaus-Asketen, nicht scheute, große Werke der Vergangenheit, insbesondere der Antike, zum Vorbild zu nehmen, und damit umwerfend schöne bildhafte Bauten schuf. Beispielsweise die grandiosen Industriekathedralen in Turin oder Genua, die Stadien und Werkshallen, deren Stahlträger und Betonrippen sich kühner und eindrücklicher spannen als die züngelnden Gewölbe der Spätgotik. Heute stehen diese Riesenbauten als Dinosaurier des überholten Industriezeitalters leer oder werden mit zweifelhaftem Erfolg zu Eventzentren umgerüstet.

          Biblischer Ursprung

          Niederschmetternd wie dieser schleichende Untergang ist die Unfähigkeit unseres postindustriellen Zeitalters, unser kostbarstes architektonisches Erbe, das der Antike, zu bewahren und weiterhin als Vorbild künftigen Bauens zu erschließen. In der Welterbestadt Pompeji, so ist im Arsenale zu sehen, haben sich in den vergangenen fünf Jahren zwanzig katastrophale Einstürze bedeutender Bauten ereignet. Jahrelange Warnungen waren vorausgegangen, jeder Einsturz, auch der des gerade vergangenen Frühjahrs, erzeugte weitere warnende Prognosen und mindestens eben so viele Beteuerungen der zuständigen Behörden, man werde sofort Gegenmaßnahmen ergreifen. Doch sicher ist nur, dass die nächsten Herbststürme der Campagna die nächsten Einstürze hervorrufen werden.

          In Aquila, das vor fünf Jahren vom Erdbeben in den Abruzzen verwüstet wurde und dessen Wiederaufbau, wie Farbfotografien von beschämend faszinierender Ruinenromantik zeigen, stockt, werden die Bewohner der Barackenlager den Herbst ebenfalls fürchten. „Fundamentalismus und andere arabische Modernismen“ betitelt Bahrein seinen Beitrag. Zu sehen sind schwindelerregend gezwirbelte und geschrägte, kreiselnde und verkantete Wolkenkratzer vor Wüstendünen. Daneben Moscheen wie aus einem Tourismus-Bilderbuch. Was versteht Bahrein unter modernem Fundamentalismus? Festhalten an einigen bewährten Traditionen? Oder wird hier Extremismus als Begleiterscheinung radikaler Modernisierung in Kauf genommen?

          Widersprüchen und Rätseln wie diesen begegnet man auf Schritt und Tritt. Doch der nachhaltigste Eindruck ist der, sich durch einen Irrgarten der gescheiterten Hoffnungen zu bewegen. Immer wieder bröselnde oder unvergänglicher Betongiganten, die, egal ob in den siebziger Jahren entstanden oder erst vor wenigen Monaten, teils von maßloser Selbstüberschätzung, teils von grenzenloser Gutgläubigkeit, fast immer aber von Schlamperei und Korruption zeugen. Wie zum Beispiel das buchstäblich vergiftete Großprojekt auf der sardischen Insel La Maddalena, das, geplant für den G-8-Gipfel 2008, erst Riesensummen verschlang – und nun ungenutzt verrottet. Ein Kronzeuge für das, was das Team Superstudio, Architektenidole der betonseligen Ära, prognostizierte: Schwankend zwischen Hybris und Resignation griffen sie seinerzeit die biblische Erzählung von Lots Weib auf, das beim Anblick der in Pech und Schwefel vergehenden Städte Sodom und Gomorrha zur Salzsäule erstarrte. „Architektur“, folgerte Superstudio, „existiert in der Zeit wie Salz in Wasser.“

          Zuversicht statt Trägheit

          Atemholen gewährt im Arsenale einzig die Mailand-Abteilung. Vor allem seine Beispiele einer bildhaften Wiederaufbaumoderne. Welcher Mut, gegen den Spott der internationalen Architektenschaft in den fünfziger Jahren ein Hochhaus wie den Torre Velasca zu bauen, dessen Umriss die mittelalterlichen Geschlechtertürme der oberitalienischen Städte nachzeichnet. Doch die geradezu verzweifelte Ehrlichkeit dieses Fazits der Moderne kann auch hier nicht anders, als Versagen zu bekennen: Am Ende stehen Modelle aktueller und geplanter Mailänder Hochhäuser Spalier. Man glaubt das Frankfurter EZB-Turmdoppel wiederzuerkennen, meint Türme aus Peking und Hongkong zu sehen, aus London, New York, Moskau. Gegen den stilistischen Einheitszwang der Globalisierung kommt die Gegenwartsarchitektur so wenig an wie gegen die allgegenwärtige nivellierende Korruption.

          Zwischen 1914 und 2014 wurden sämtliche technischen Möglichkeiten geschaffen, um weltweit menschenwürdiges Bauen zu realisieren. Zu schweigen von der Fülle an historischen Vorbildern, die, wie ausgerechnet der lange antihistorisch argumentierende Rem Koolhaas in der Zentralausstellung der Giardini zeigt, noch immer Fundament allen Bauens sind. Das letzte Jahrhundert hätte ein weltweites Paradies bauen können und hat ein globales Elendsquartier gebaut. So argumentieren auch viele der Länderpavillons, allen voran Großbritannien, das Megasiedlungen vorstellt, die in den siebziger Jahren als technoide, Cliff-Richard-fröhliche Sprösslinge der englischen Gartenstadt-Ideale begannen und als Clockwork-Orange-Betonhöllen endeten. Frankreich verflucht seine Banlieues, die Vereinigten Staaten verdammen ihre global agierenden und uniform entwerfenden Superarchitektenbüros – und alle vier Staaten mahnen Zuversicht an, wollen angesichts der Fülle an technischen Möglichkeiten nicht glauben, dass die Trägheit siegt.

          Auch zweifelhafte Hoffnungen werden präsentiert. Russland – dessen Kommissar noch im April wegen unliebsamer Äußerungen zur Ukraine staatlicherseits abgesetzt wurde – hofft auf die befreiende Kraft der Wirtschaft, feiert Konzerne als Finanziers und Messen als Markt der unbegrenzten Möglichkeiten; Skandinavien zeigt architektonische Partnerschaften mit afrikanischen Ländern, und ignoriert alle Bürgerkriege.

          Umso erstaunlicher, dass Deutschland, während der letzten Biennalen immer an vorderster Front, wenn es um die neueste Träne im Ozean oder sonstigen Betroffenheitskitsch ging, diesmal Distanz zu allen Sentimentalitäten, aber auch allem Zweckoptimismus hält. Stattdessen bietet es Witz, Mut und Gelassenheit: Als „Haus im Haus“ empfängt im deutschen, 1936 zur NS-Staatsarchitektur aufgedonnerten Pavillon den Besucher eine Replik des gläsernen Kanzlerbungalows, den Sep Ruf für Ludwig Erhard baute. Stein gegen Glas, Diktatur gegen Demokratie: Die Kuratoren Savvas Ciriacidis und Alex Lehnerer inszenierten das nicht als bleischweren Gedankenkampf, sondern lassen die Dinge für sich sprechen. Ausgerechnet der Deutsche Werkbund, der 1914 in Deutschland die Moderne mit aus der Taufe hob, scheint nicht an die Mündigkeit der internationalen Besucherschaft zu glauben. Er präsentiert im Palazzo Ca’ Tron (überhaupt verästelt sich die Biennale diesmal in zahllose Palazzi und Sonderräume außerhalb des eigentlichen Ausstellungsgeländes) einen Bau, der den nazistisch kontaminierten deutschen Pavillon ersetzen soll; ein sonderbarer Vorschlag, der die diesjährige Maxime, aus der Vergangenheit zu lernen, in eine Flucht vor der Vergangenheit umkehrt.

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