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Architekturbiennale in Venedig : Baukunst am Banale Grande

Auf der Suche nach der These: Digitale Karten im Pavillon Saudi-Arabiens Bild: dpa

In Venedig hat heute die 16. Architekturbiennale eröffnet. Man glaubt, mit der Ästhetisierung guter Absichten wäre es getan. Und der Besucher denkt bisweilen, er wäre auf das Format eines Dreijährigen geschrumpft.

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          Eigentlich könnten die Architekten sich freuen: Sie werden dringender gebraucht denn je, viele der großen Krisen der Gegenwart, vom Klimawandel bis zur letzten großen Finanzkrise, haben mit problematischen Wohnformen, überfüllten Städten oder zu teuren, falschen Häusern zu tun. Nach einer Einschätzung der Unesco werden in den kommenden zwei Jahrzehnten weltweit zwischen 750 Millionen und einer Milliarde Menschen allein in die Ballungsräume drängen, zusätzlich zu den jetzt dort schon unter prekären Bedingungen lebenden Menschen. Es werden Unterkünfte, ganze Städte gebraucht; und man muss darüber streiten, wie die aussehen könnten, was und wie gebaut wird, für wen und wo.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Architekturbiennale von Venedig, die an diesem Wochenende eröffnet, könnte also zu einem Ort des Streits, der Debatte werden, wie es weitergehen soll mit dem Bauen und mit den Städten, die immer teurer und voller werden – und in denen immer mehr ohne Architekten gebaut wird. Selten war es auch so offensichtlich, wie sehr das Bauen und die Stadt von politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Interessen geprägt sind. Klimawandel, Migration, der Wandel der Arbeit, der die Städte massiv verändern wird – alles Fragen, die mit Architektur, Stadtplanung, Baupolitik zusammenhängen.

          Das Wort „Politik“ kommt nirgendwo vor

          Umso erstaunlicher ist es, dass in dem Manifest zum „Freespace“, dem Motto der Biennale, das die Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara veröffentlichten, das Wort „Politik“ nirgendwo vorkommt. Der Ton ist stattdessen von einem latent mystischen Posthumanismus geprägt: „Wir sehen die Erde als Kunden“, schreiben sie, „und das bringt sehr langfristige Verpflichtungen mit sich. Architektur ist das Spiel von Licht, Sonne, Schatten, Mond, Wind, Schwerkraft und offenbart die Mysterien der Welt. All diese Ressourcen gehören allen.“ Die Erde als Kunde, Mysterien der Welt? Aber kein Wort zur politisch viel wesentlicheren Frage, ob die anderen endlichen Ressourcen, das Trinkwasser und der Boden nämlich, die privatisiert und zum Gegenstand der Spekulation Weniger werden, auch allen gehören sollte. Darüber tobt anderswo ein heftiger Streit, in dem sich die Kontrahenten wahlweise als vergesellschaftungswütige Kommunisten oder als profitgetriebene, radikalkapitalistische Zerstörer der gemeinsamen Lebensgrundlagen gegenseitig beschimpfen. Doch zu dieser Debatte über das, worauf nicht nur Architektur, sondern auch die Gesellschaft errichtet wird – nichts. Es ist, als hätte es der Biennale vor Schreck die Sprache verschlagen. Sie flüchtet sich vor dem politischen Streit über die Bedingungen von Architektur in die Ästhetisierung guter Absichten.

          Die eingeladenen Architekten haben für die Modelle und deren Präsentation einen geradezu abstrusen Aufwand betrieben. Im Hauptpavillon, vor allem aber im Arsenale sieht es aus wie in einer Leistungsschau für Messebauer: In zwei-bis dreigeschossigen, aussichtsturmhaften Ausstellungsarchitekturen stehen am Ende zahlloser Treppen kleine Modelle, die mit sakraler Andacht wie kostbarste Preziosen in einem Gucci-Laden präsentiert werden. Aber sie stehen nebeneinander, als hätten sie nichts miteinander zu tun. Statt denkbaren thetischen Kapiteln wie „Die Bodenfrage“, „Sicherheits-Hysterien“ oder „Das Ende des Privaten“ wird einfach ein „Freespace“ an den anderen gereiht.

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