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Architektur : Spiele eines sehr ernsten Kindes

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Die Gebäude des Architekten Gottfried Böhm wirken wie ein Spiel zwischen Massivität und Tranzparenz. Auch lassen sie oft eine tiefe Frömmigkeit erahnen. Das Deutsche Architekturmuseum widmet ihm jetzt eine Ausstellung.

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          Gottfried Böhm ist in der Gegenwartsarchitektur, was Max Reinhardt 1928 von den besten Schauspielern seiner Zeit gesagt hat: einer, der „seine Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich auf und davon gemacht hat, um bis an sein Lebensende weiterzuspielen“. Das gilt sogar für jene alles andere als verspielten „Berge aus Beton und Glas“ wie das scharfkantige Betonriff des Rathauses von Bensberg, das Böhm 1962 in eine gotische Burgruine setzte. Läßt ihre expressive Gewalt, die ihm 1986 die international höchste Architekturauszeichnung, den Pritzker-Preis, eintrug, an die Schöpferkraft eines phantasiebegabten Kindes denken, scheinen andere tatsächlich Sandkastenspiele: Der Entwurf für die Erweiterung der Hamburger Kunsthalle (1986) oder der für Stuttgarts Museum der Zeitgenössischen Kunst (1990) gleichen mit Wimpeltürmchen und Achterbahnspiralen der penetranten Naivität Friedensreich Hundertwassers.

          Was aber alle Bauten Böhms, von denen des jungen Architekten bis zu denen des heute verehrten Nestors, außergewöhnlich macht, ist tiefe Frömmigkeit: Einer Familie von Baumeistern zugehörig, begann Böhm als Assistent seines Vaters Dominikus, dessen expressionistische katholische Gotteshäuser die zwanziger Jahren prägten. Der einfühlsame, Ruine und Moderne verbindende Wiederaufbau von Kirchen in Köln und Nordrhein-Westfalen war die Domäne von Vater und Sohn, hinzu kamen Aufträge in Übersee wie 1953 die Kirche Igreja Matriz in Brusque in Brasilien. Eigenes Profil gewann Gottfried Böhm mit der Kapelle „Madonna in den Trümmern“, die er 1947 in die zerstörte Gotik von St. Kolumba in Köln stellte.

          Rose und Schlange als Leitmotiv

          In Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“, so der Katalog der Werkschau im Frankfurter Deutschen Architekturmuseum, ist das Wirken von Vater und Sohn nachgezeichnet. Auch das wirkliche Leben Böhms scheint ein Böll-Roman: Als neunzehnjähriger Soldat verwundet, studiert er nach 1945 in München Bildhauerei, ehe er zur Architektur wechselt. Eine Amerikareise und der Kontakt mit Mies van der Rohe und dessen Glas-Stahl-Bauten führen Böhm zur Leichtigkeit - etwa der eines Glashauses, das auf Stelzen über der Brandung der Copacabana schwebt -, die fortan die vom Vater übernommene Vorliebe für die formbare Wucht des Betons mildert.

          Beide Tendenzen überformt Böhms anfängliche Praxis als Gestalter von Kirchenfenstern. Im Grunde sind alle seine Bauten dreidimensionale Kirchenfenster - so polygon wie die Metallstege, die deren Scheiben halten, so farbenfreudig wie sie und so zeichenhaft. Daß der Architekt dadurch auch zum Maler und Dekorateur wurde, der oft die Innenräume und Böden seiner Bauten als Bildträger nutzt, ist fast selbstverständlich. Leitmotive dieser Mehrfachkunst sind Rose und Schlange: „Maria steht auf der Schlange“, so Böhm, „zertritt sie aber nicht. Die Schlange hält die Rose, zerbeißt sie aber nicht.“

          Grazie statt Glas und Beton

          Doch ist der Architekt weder, was diese Zeilen vermuten lassen könnten, ein Schwärmer noch ein Weltmann der Kirche, wie sie Hesse in „Narziß und Goldmund“ porträtiert. Seine Architektur weitet ihren Anspruch über den katholischen Rahmen hinaus ins allgemein Ethische. So plaziert er die marianische Rose nicht nur in den Fenstern seiner Kirchen - beispielsweise über dem Altar von Sankt Ignatius in Frankfurt am Main (1961) -, sondern auch in so profanen Bauten wie dem Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank in Luxemburg (1987), deren Fußboden einen Rundschacht abbildet, aus dessen Wänden sich rosentragende Schlangen winden, oder dem Bezirksrathaus von Köln-Kalk (1986), wo Beamte über eine mit Rosen geschmückte Schlangengrube schreiten. Der Stil gemahnt an die verwirrenden Labyrinthe des Christoph M. Escher, die Botschaft ist eindeutig: Mahnung an die unantastbare Menschenwürde.

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