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Architektur : Ein Blauwerk für Ørestad

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Das neue Konzerthaus in Kopenhagen ist ein typischer Jean Nouvel geworden - auch wenn sich der Architekt zehn Jahre lang um dänische Einflüsse bemüht hat. Es bringt die Stadt der globalen Hautevolee der Gegenwartsarchitektur näher.

          Eine weite Wasserfläche, beherrscht von einem markanten Solitär, der Konzerten gewidmet ist. Fällt dann noch der Name Jean Nouvel, denkt man unweigerlich an Luzern, wo der französische Architekt vor einigen Jahren eines seiner Meisterwerke schuf. In Kopenhagen ist alles ähnlich – und doch ganz anders. „Dänische Architektur, dänisches Design“, so erklärte Jean Nouvel in diesen Tagen, „verbinde ich mit Arne Jacobsen. Beides ist sehr rein, und ich wollte eine Verbindung schaffen zu dieser Modernität. Für mich ist es wichtig, ein Gebäude in der umgebenden Kultur zu verankern.“

          Das klingt nach etwas anderem als nach jener Selbstherrlichkeit, mit der der Mann am Vierwaldstätter See einen titanischen futuristischen Baldachin über einem Betonblock ausbreitete, dessen Inneres geformt ist wie ein Streichinstrument. Mit Schweizer Traditionen hatte das allenfalls im Sinne der neuen eidgenössischen Monumentalität zu tun. Bei seinem neuen Kopenhagener Konzerthaus aber, sagt der Meister, habe er sich, ganz im Sinne der neuen Bescheidenheit und dem Motto „Bauen im Bestand“ folgend, zehn mühselige Jahre lang um Dänisches bemüht.

          Ekstatischer Ausdruck des Heute

          Hat er? Bei gutem Willen kann man in dem dekorlosen Riesenkubus am Rande der Kopenhagener City Jacobsens schnörkellose „Reinheit“ wiedererkennen. Der Rest – das Eigentliche – aber ist reiner Nouvel. Man erkennt einen Zylinder in dem blauen metallenen Würfelnetz, das als kantenscharfer Klotz am Ufer des neuen Stadtteils Ørestad wuchtet. Nachts leuchtet das Ganze magisch in Kobalt, belebt von Projektionen, die das Geschehen im Inneren nach außen übertragen. Einige über Eck geführte, befensterte Einschnitte wecken Neugier und lockern die Hermetik der Großform.

          Das Innere dann löst glanzvoll die Verheißung des lockend verschleierten Zylinders ein. Vier unterschiedlich große Säle, verbunden durch großzügige Wandelgänge, die vom geradezu atemlos weiten Foyer ausgehen, füllen den Rundbau. Alles gipfelt im großen Konzertsaal für 1800 Zuhörer. Der deutsche Besucher wird in dem Rundgebilde an Hans Poelzigs expressionistische „Zauberhöhle“ erinnert, Berlins 1919 entstandenes, 1983 abgerissenes „Großes Schauspielhaus“, oder an Scharouns Berliner Philharmonie. Doch was dort die maßvolle Übertragung geschwungener zeitloser Rebenhänge in Architektur, ist bei Nouvel ein Bau gewordener ekstatischer Ausdruckstanz des Heute.

          Akustische Mängel

          Wie elegant wirbelnde Seidenschals einer Pina Bausch wehen Ränge und Rampen durch den Raum, in allen erdenklichen Erdfarben leuchtend und harmonierend. All die Wogen, Rampen, Keile und Kurven sind zentriert um das mittige Orchesterpodium, über dem ein rundes Schallsegel schwebt. Es wird noch oft zum Einsatz kommen, denn das Eröffnungskonzert in Anwesenheit der königlichen Familie und der Regierung erwies einige gravierende akustische Mängel.

          Die Freude und den Stolz Kopenhagens aber minderte dies kaum. Die Stadt sieht sich nach ihrem spektakulären Opernhaus mit Nouvels Geniestreich dem Ziel nahe, bald zur globalen Hautevolee der Gegenwartsarchitektur zu zählen. „Wir werden uns auf der kulturellen Weltkarte plazieren“, jubelte der dänische Kulturpolitiker Erik Asmussen. Und Jean Nouvel sang bei aller Bescheidenheit am Ende doch das Loblied des extravaganten Unikats. Aus gutem Grund, denn wer wollte seiner einleitenden Bemerkung widersprechen, die da lautet: „Wenn man überall das gleiche Gebäude errichtet, wird die Welt immer kleiner. Man kommt in eine Stadt und weiß nicht, wo man ist, weil sich nichts mehr voneinander unterscheidet. In einer Welt des Klonens gibt es keine Überraschungen, man sieht stets dasselbe.“ Ihm ist eine Überraschung gelungen.

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