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Architektur : Die späte Rache der DDR

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Berlins Friedrichstraße gilt nach ihrem Wiederaufbau zum Boulevard als ein Glanzstück der Stadtmitte. Ausgerechnet am prominentesten Standort der Straße ist nun ein miserables Ensemble entstanden.

          In keiner Kunst wirkt die Sucht nach Originellem so verheerend wie in der Architektur. Gemälde, Skulpturen, Bücher können als Vorschlag angesehen und bei Misslingen beiseitegestellt werden - Bauwerke sind unumstößlich da, und das für Jahrzehnte. So wie jetzt der riesige Neubaukomplex „Spreedreieck“ direkt am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Doch seinem Architekten Mark Braun und dem Investor Müller-Spreer & Co kann man nicht einmal vorwerfen, sie hätten die Karre in den Graben gefahren, weil sie partout das Rad neu erfinden wollten. Statt Originalität um jeden Preis, die gelegentlich ja auch überzeugende Neulinge schafft, reichte es nur zu lauem Mitläufertum: Die siebziger Jahre, seit einiger Zeit wieder im architektonischen Trend, bestimmen unübersehbar und banal kopiert die Erscheinung des Neubaus.

          Damit könnte das Büroensemble als mäßig inspirierter Durchschnitt durchgehen. Wäre da nicht die Tatsache, dass sein Standort legendären Status hat: Hier am Bahnhof Friedrichstraße wollte 1921 Mies van der Rohe im Rahmen eines Wettbewerbs sein erstes Hochhaus bauen, eine gläserne Phantasmagorgie, die über einem Grundriss, der die Konturen eines Schmetterlings nachzeichnete, aufsteigen sollte wie ein gigantischer, prismatisch geschliffener Kristall. Die finanzielle Ebbe der Weimarer Republik verhinderte die Ausführung. Doch Mies' Entwurf, gerühmt als Pionier der modernen „Haut-und-Knochen-Architektur“, ist seither der Prüfstein aller Hochhausbauten, die Kühnheit und Eleganz anstreben.

          Gespenster von gestern

          Auch Mies van der Rohe erfand seinerzeit die Welt neu. Und da er ein raffinierter Zeichner war, schraffierte er auf seinen Entwurfsskizzen die vorhandenen Gründerzeitbauten der Friedrichstraße kohlschwarz, so dass sie, Gespenster von gestern, wie ein abgestreiftes Futteral wirkungssteigernd seine Glasvision umschließen, die wie eine lichtsprühende Kaskade aus dem nachtschwarzen Bodensatz steigt.

          Generationen von Architekten haben es Mies seither gleichgetan, haben Vorhandenes allenfalls als Randarabeske geduldet. Auch das „Spreedreieck“ ignoriert und degradiert die umgebende Bebauung. Das ist umso fataler, als es sich hier um einige der bedeutendsten Bauten der Friedrichstraße handelt. Da ist zunächst der Bahnhof Friedrichstraße selbst, dessen glasstählerne, zwischen Jugendstil und Futurismus changierende Wölbungen von 1919 auf Eingangsbauten stehen, die 1925 mit schwarzviolett gebrannten Klinkern und Majoliken in gemäßigtem Expressionismus gestaltet worden sind. Mag hier noch gelten, dass schließlich alle, auch die schönsten S-Bahn-Bauten Berlins von Architektur förmlich umlagert sind - inakzeptabel ist, dass der angrenzende „Tränenpalast“ vom neuen „Spreedreieck“ aus dem Erscheinungsbild der Friedrichstraße verdrängt wird.

          Aufs Abstellgleis geschoben

          Der vergissmeinnichtblaue schräge Glas-Stahl-Pavillon von 1961, dessen aufgesetzte Kessheit im zynischen Gegensatz zur Funktion als klaustrophobischer Grenzübergang steht, ist ein Symbolbau der DDR-Verlogenheit. Seit 1991 wurde er, ein sympathisches Zeichen der Vitalität und Lebensart Berlins, als alternatives Konzerthaus, Club und Varieté genutzt. 2006 wegen des Grundstücksverkaufs geschlossen, soll der „Tränenpalast“ ab 2011 zur Gedenkstätte werden; ein ehrbares Vorhaben, das aber den Eindruck nicht zerstreut, dass der Bau nicht nur optisch, sondern auch urban auf ein Abstellgleis geschoben worden ist.

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