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Architektur : Die neuen Städte im Himmel

Moskau baut ein World Trade Center, und die Zukunft liegt in den Wolken: 2004 ist das Jahr der Hochhäuser. Die Architekten können sich vor den Auftraggebern im Höhenrausch kaum retten.

          Der Auftrag, der dem traditionsreichen amerikanischen Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill vor einigen Jahren auf den Tisch flog, war knapp formuliert und sehr deutlich. Man wolle in Dubai das ein für allemal höchste Haus der Welt bauen, es solle in etwa einem halben Kilometer Höhe eine Aussichtsplattform haben, von der man nicht weniger sehen kann als die gesamte Welt. Damit das funktioniert, mußte die Welt deutlich verkleinert und aus ihrer uneinsichtigen Kugelform gebracht werden - womit man in diesen Tagen an der Küste des Emirats beginnt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort wird im seichten Wasser aufgeschüttet, was einmal "The World" werden soll - eine sechs Quadratkilometer große Inselwelt, die man in vier Jahren aus den oberen Etagen des "Burj Dubai Towers" vor der Küste liegen sehen wird; die Konturen der insgesamt 200 Inseln sind denen der Kontinente nachgebildet, weswegen das Ganze an eine gigantische ins Meer gefallene Weltkarte erinnert. Wer genug Geld hat, kann sich zum Beispiel dort, wo in der wirklichen Welt Berlin wäre, ein schönes Haus bauen, bei Leipzig eine Palme einbuddeln und zu Fuß ans Mittelmeer gehen, mit dem Boot nach Grönland fahren, wo es allerdings kein Eis gibt, oder auf dem Himalaya essen gehen; 2008 sollen "The World" und der "Burj Dubai Tower" bezugsfertig sein.

          Auftraggeber im Höhenrausch

          Die Architekten von Skidmore, Owings & Merrill, die auch den "Freedom Tower" auf Ground Zero bauen, können sich vor Aufträgen nicht retten; seit einiger Zeit hat die internationalen Auftraggeber ein Höhenrausch erfaßt, wie er nach dem 11. September nicht mehr für möglich gehalten wurde. Aber anders als das klassische Wohnhochhaus des modernen Städtebaus, Le Corbusiers Unite, sind die neuen Bauten keine Arche Noahs aus Beton, auf denen die Massen glücklich werden sollen, sondern exklusive Wehrtürme gegen die Zumutungen der Zivilisation. Wer etwa demnächst an einem nebligen Januarmorgen in Moskau flußaufwärts wandert, wird das, was er dort sieht, für eine makabre Fata Morgana halten: Die "Gorod Stolit Towers", mit deren Bau in wenigen Monaten begonnen wird, werden aussehen wie die Wiedergänger des zerstörten World Trade Centers.

          Bei genauerem Hinsehen entdeckt man zwar Unterschiede: Nicht geradlinig, sondern ein wenig dekonstruktivistisch verdreht und verschieden hoch stehen die 65 Stockwerke hohen Luxus-Apartment-Türme in Moskau, so, als habe sie der Rotterdamer Architekt Eric van Egeraat mit Gewalt aus ihrer Fassung geschraubt und in den schlammigen Moskauer Boden gerammt. Trotzdem ist es erstaunlich, daß die 250 Millionen Dollar teure Gegenwelt, in der reiche, von der Angst vor Terror und Überfällen geplagte Moskauer sich wohl fühlen sollen, ausgerechnet die Form der Zwillingstürme aufgreift, die zur Inkunabel des weltweiten Terrors geworden sind. Zum Einkaufen und Essengehen bleibt man unter der futuristischen Käseglocke am Fuß des Doppelturms, in die Egeraat eine elegante Spirale gekurvt hat; auf ihr trudelt man vorbei an Restaurants und Fitneßstudios zu einem Autohändler, der gepanzerte Fahrzeuge anbietet - für den Fall, daß man das künstliche Paradies doch einmal verlassen muß.

          Schwelgen in Superlativen

          Im Inneren der Hochsicherheitstürme wird heiter nachgespielt, wovon man sich draußen abgrenzt - das städtische Leben. Das gilt auch für das momentan höchste Haus der Welt, das vor kurzem fertiggestellte, fast zwei Milliarden Dollar teure "Taipeh 101" auf Taiwan. Mit einer Bauhöhe von 508 Metern überragt es die "Petronas Towers" in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur um fast 60 Meter und schwelgt auch sonst in Superlativen: In nur 39 Sekunden rast der zentrale Lift zur 89. Etage, die 557 Pfeiler des Turms ragen 80 Meter tief in den erdbebengefährdeten Boden. Vorsichtshalber wurden abstrahierte Glücksdrachen an allen Gebäudeecken angebracht; mit der Höhe wächst sogar hier, wo die expansive Symbolik der Moderne noch ungebrochen ist, die Angst.
          Höher noch als "Taipeh 101" sollte der von Daniel Libeskind entworfene "Freedom Tower" auf Ground Zero werden. Wo in Taipeh eine Skylounge vom Triumph der Technik erzählt, wollte Libeskind hängende Gärten unterbringen - und damit den großen amerikanischen Mythen ein Denkmal setzen. Die amerikanische Mythologie des 19. Jahrhunderts war eine Horizontale; die Trapper zogen nach Westen, die Eisenbahn eroberte die fruchtbaren Weiten der Prärie. Die amerikanische Mythologie des 20. Jahrhunderts war dagegen eine Vertikale: Die neuen Eroberer waren Piloten und Architekten. Was Eisenbahn und Freeways in der Horizontalen versprachen, bietet der Fahrstuhl in der Vertikalen: Den Vorstoß in unbekannte Regionen, den freien Blick auf unberührte Natur.

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