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Architektur des Silicon Valley : Die Macht will unsichtbar werden

In Kalifornien beginnt demnächst der Bau von zwei Mega-Komplexen: Es sind die Zentralen von Facebook und Apple. Was verrät ihre Architektur über unsere Gegenwart?

          Walter P. Chrysler war ein ehrgeiziger Mann. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte er die Leitung von einigen defizitären Autoherstellern übernommen, nur ein Jahrzehnt später war er zum drittgrößten Autohersteller Amerikas aufgestiegen, das „Time Magazine“ wählte ihn 1929 zum „Man of the Year“, ein Jahr später setzte er sich mit einem Gebäude mitten in Manhattan ein Denkmal, das wie ein wildes Ausrufezeichen aus den Straßenschluchten herausragte und als deutliche Warnung an Konkurrenten und Zweifler zu verstehen war: Mit mehr als 319 Metern war das Chrysler Building bei seiner Fertigstellung im Jahr 1930 das höchste Haus der Welt, und es war ein gut sichtbares Symbol dafür, wo im Jahrhundert des Automobils die Macht saß.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie sehen diese gebauten Symbole heute aus? Wenn man nach den entsprechenden Großbauten unserer Zeit fragt, findet man sie nicht in den klassischen Hochhausmetropolen - und auch nicht in der Hochhausarchitektur: Die großen Hochbauprojekte dieser Tage, Londons „The Shard“ und das New Yorker One World Trade Center, wirken eher wie tragische Abschiede von einem Bautypus. „The Shard“, entworfen von Renzo Piano, ist nicht atemberaubend hoch (sogar kürzer als das Chrysler Building) und formal eher enttäuschend bis ulkig: Der Bau sieht mal aus, als habe eine Pyramide beschlossen, sich ins Gitterkleid des Eiffelturms zu winden, mal so, als recke ein ohnmächtig gewordener britischer Riesenstorch seinen Schnabel in den grauen Londoner Himmel. Das New Yorker One World Trade Center mit seiner verdrehten Form und seinem rund sechzig Meter hohen, glasbemäntelten Betonsockel ist eine Architektur des Traumas; alles an seiner Form zeugt von Angst vor Attacken. Die neuen architektonischen Symbole der Macht entstehen in Kalifornien - und sie sehen ganz anders aus, wenn man von „aussehen“ überhaupt sprechen kann.

          Keine Türme mehr, sondern Arbeitslandschaften

          Zwei der mächtigsten Konzerne der Welt haben den Bau zweier der größten und teuersten Gebäude der Gegenwart angekündigt. Für den Apple-Konzern wird Norman Foster im kalifornischen Cupertino bis 2016 auf einem zweihunderttausend Quadratmeter großen Gelände einen gigantischen gläsernen Donut errichten - einen nur viergeschossigen ringförmigen Bau, in dem zwölftausend Menschen arbeiten sollen. In der leeren Mitte soll ein künstlicher Dschungel entstehen, von der Straße wird der in einem großen Park gelegene Bau kaum zu erkennen sein.

          Währenddessen hat Frank O. Gehry für den keine halbe Autostunde von Cupertino entfernt liegenden Facebook-Konzern einen ebenfalls gigantischen Erweiterungsbau entworfen: In Menlo Park, nicht weit von der San Francisco Bay entfernt, soll ein eingeschossiger Büroriegel mit fast vierzigtausend Quadratmeter Grundfläche entstehen - das größte Großraumbüro der Welt, wie Facebook-Gründer Mark Zuckerberg erklärt. Das Dach des Riesenraums wird eine Landschaft sein, ein Park mit Bäumen, von außen, so Zuckerberg, werde man denken, man schaue auf in eine Landschaft. Auch darunter, im Großraumbüro, wird aufgrund der schieren Größe des Baus der Eindruck einer künstlichen Landschaft entstehen, in der die kabinenartigen Räume, in die man sich zu Besprechungen zurückziehen kann, wie kleine Dörfer in einer Prärie voller friedlich grasender Schreibtische stehen.

          Die mächtigsten Konzerne der Welt produzieren keine Türme mehr, sondern Arbeitslandschaften, dem starken Form-Statement des Turms folgen weak form buildings, Gebäude, die bewusst formlos sind. Was bedeutet das? Beide Bauten werden in Amerika errichtet, wo die Landschaft eine eigene Symbolgeschichte hat. Die amerikanische Mythologie des 19. Jahrhunderts war vom Treck der Pioniere nach Westen geprägt, ihr Narrativ war die horizontale Expansion: der Bau der Eisenbahn, die Eroberung der Landschaft. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts folgte dieser horizontalen Expansion das Abenteuer der Vertikale: Das Amerika des frühen 20. Jahrhunderts hat den Wolkenkratzer erfunden, der amerikanische Held des 20. Jahrhunderts, der Cowboy der Vertikale, war der Astronaut. Mit Apple und Facebook kommt eine Pionier-Ästhetik zurück: Angestellte wandern durch Gärten, Parks und Urwälder, es ist, als wolle man die Ankunft der Pioniere des 19. Jahrhunderts in den unberührten Wäldern der Westküste nachstellen.

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