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Architektur des Silicon Valley : Die Macht will unsichtbar werden

Von der „perversen Schönheit“ der Gärten von Versailles

Sieht man Apple und Facebook als kommerzielle Bewusstseinsmaschinen, die unser Denken und Handeln kontrollieren, analysieren und steuern, dann kann man in der Unsichtbarmachung ihrer Konzernzentralen auch eine schöne ideologische Pointe erkennen: Facebook kommt uns als freundliche Naturgewalt entgegen, als, wie Roland Barthes es einmal schrieb, „Verwandlung von Geschichte in Natur“. Das soziale Netzwerk wird natürlicher Teil unseres Ökosystems, die Macht und ihre Betriebssysteme verschwinden unter der Erde; so, wie sich in frühen James-Bond-Filmen die Zentrale des Schurken unter einem Felsen befindet, tarnt sich die Macht als Natur, die Arbeit dort als Spiel.

Was von Datenschützern als finsterer, informationsfressender Superkrake imaginiert wird, wirft sich selbst das heiterste Kindergartenkostüm um: Die Leute hier in ihrer netten Landschaft, so eine Botschaft, wollen doch nur spielen. Der New Yorker Architekturkritiker William Hanley sprach von einem „corporate Kindergarden“ angesichts der Skateboard-Pisten und Computerspielecken, mit denen Facebook in Manlo Park die Arbeitswelt für junge Unternehmer und Programmierer attraktiv machen will. So gesehen, ist die heiter bis infantil schwingende Architektur vielleicht auch ein Äquivalent zum Typus des harmlos kindlichen Hacker-Whistleblower-Superprogrammierernerds, dessen Edward-Snowden-hafte, milchig-freundliche Physiognomie im krassen Kontrast zu den globalen Verheerungen seiner Taten steht: Entwurf eines Hauses für das reizende böse Monsterkind, das vom Kinderzimmer aus die Welt umprogrammiert und in Grund und Boden hackt.

Man kann die neue Facebook-Zentrale ebenso wie Apples gläsernes Raumschiff mitsamt seinem darin eingeschlossenen Paradiesgarten auch klaustrophobisch finden. Beide erfinden Welten, in denen es kein Außen mehr gibt: Gegen das Pathos des Weitblicks in die Welt, den das Hochhaus in der Chefetage bietet, setzen sie Immersion: Man geht hinaus (Apple) oder hinauf (Facebook) in den Garten und gleichzeitig weiter hinein in die künstliche Welt. Die neuen Gärten der Großkonzerne haben auch etwas von der, wie der Literaturwissenschaftler Robert Pogue Harrison es nennt, „perversen Schönheit“ der Gärten von Versailles, die die Machtelite ihrer Zeit unter anderem mit einem nachgebauten Bauerndorf und einem dschungelhaften Abenteuerwald erfreuten, in dem eine heitere Variante vorzivilisatorischen Lebens nachgespielt wurde.

Die Ästhetik der Unsichtbarkeit

Die Konzerne gehen mit ihren Zentralen bewusst ins Grüne, sie erfinden eine second nature, eine Arbeitslandschaft an Stelle der Stadt. Was bedeutet die Ästhetik des Verschwindens, die Kultur der weak form, die vor allem die neue Facebook-Zentrale auszeichnet, aber auch den Apple-Bau, dessen Form und Ausmaße vom Straßenniveau aus nicht zu erkennen sind? Kurz vor seinem neuen Verwaltungsraumschiff stellte Apple die sogenannte „iCloud“ vor: Informationen werden extern, in einer virtuellen sogenannten „Wolke“, gespeichert, aus der man sie auf jedes Apple-Gerät abrufen kann. Dieses virtuelle Machtzentrum „Wolke“ zu nennen war fast schon ein Akt religiöser Aufladung, die den technischen Vorgang wie eine Naturgewalt erscheinen lässt.

Die Wolke, die Erinnerungen an den Menschen sendet wie Zeus seine Blitze, ist vielleicht das eindringlichste Symbol eines Jahrzehnts der Unsichtbarkeit, das 2001 begann - in dem Jahr, in dem mit dem Anschlag auf die Türme des World Trade Center ein Albdruck ständig gegenwärtiger, aber unsichtbarer Gefahr auftrat. Der Terror des Unsichtbaren fand eine Parallele in den Finanzmärkten, an denen sich scheinbar sichere materielle Werte als Fiktionen entpuppten; schließlich beendete in Fukushima die unsichtbar wirkende Strahlung den Glauben ans Atom.

In dieser Zeit durchgehend bedrohlicher unsichtbarer Phänomene wurde der Apple-Konzern mit dem Versprechen positiver Dematerialisierung zum teuersten Konzern der Welt: Das iPhone ersetzt Plattenschrank, Plattenspieler, Landkarte, Navigationssystem, Telefonbuch, Kalender, Telefon, Kamera - Gegenstände mit einem Gesamtgewicht von mehreren hundert Kilogramm verschwanden aus dem Alltagsleben. Mit der „iCloud“ lieferte die Firma das Signet zur Entmaterialisierung des Wahrnehmbaren: was das Hochhaus war, Symbol einer Epoche und gleichzeitig Sitz realer Macht, ist jetzt die Wolke. Die Ästhetik der Unsichtbarkeit, die die neuen kalifornischen Konzernzentralen auszeichnet, könnte auch ein Reflex dieser Entwicklungen sein.

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