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Architektur des Luxus : Kommt ihr auf ein Piccolöchen ins Studio?

  • -Aktualisiert am

Nur das Beste vom Besten: Hamburg bietet zurzeit die teuersten Wohnungen Deutschlands an. Mit dem „Marco Polo Tower“ hat sich das Architekturbüro Behnisch erneut in der Hafencity verewigt.

          Isabella d'Este dürfte kaum weniger Kunstsinn und Geld aufgewendet haben, als sie sich 1490 ihr berühmtes „Studiolo“ leistete: Dem Besitzer einer der höchstgelegenen Wohnungen im neuen Marco Polo Tower standen zwar keine Maler wie Mantegna oder Perugino zur Verfügung, doch die Designer und Kunstschreiner, die ihm in Hamburgs Hafencity ein Studio schufen, können zweifellos so viel wie ihre italienischen Kollegen, die einst der Herzogin edelhölzerne Säulen und Pilaster, Konsolen, Arabesken und Grotesken schnitzten. Tropenholz, wundervoll gemasert und warmtonig, bekleidet die Wände des Hamburger Studiolos, formt ein- und auswärts gleitende Regale, Nischen, Ablagen, Schreibflächen und Sitzinseln. Hier lesen, nachdenken, schauen, schreiben - ein Traum.

          Die Kurven im Turmzimmer zeichnen die Umrisse des Marco Polo Tower nach. Das Büro Behnisch hat ihn entworfen, so wie direkt daneben die neue Firmenzentrale des niederländischen Konzerns Unilever. Beide Architekturen atmen noch etwas vom Geist des kürzlich verstorbenen Günter Behnisch; sie wirken schwebend trotz enormer Volumina, tragen internationales Weiß statt Hamburgs Klinkerrot, verweigern sich stupidem Regelmaß.

          Kapriziöse Ästhetik mit funktionalem Hintergrund

          Dem Konzernbau gibt eine wie Gaze wirkende Klimaschutzhülle das seit Münchens Olympiagelände legendäre Behnisch-Flair. Beim 56 Meter hohen Marco Polo ist es die exzentrische Großform, die an einen auf der Spitze balancierenden, effektvoll zerdellten Trichter denken lässt. Gebildet wird sie aus verschlungenen, nach innen und außen, oben und unten gleitenden Betonbrüstungen umlaufender Terrassen. Gleich Banderolen markieren die weißen Betonbänder sechzehn Geschosse, die über einem gläsernen Sockel mit Foyers und Restaurants einen Erschließungskern umgeben wie die Flügel einer Windrose.

          Was wie pure kapriziöse Ästhetik aussieht, hat auch funktionale Gründe: Dank der Schwellung und der vielen Kurven sind für alle 58 Wohnungen freie Sicht samt perfekten Licht-Schatten-Verhältnissen garantiert. Ihren Käufern - Tiefstpreis für 57 Quadratmeter: 309 000 Euro; das teuerste Penthaus kostet 3,75 Millionen Euro - stehen zwölf Designerbüros zur Verfügung, die jedes Refugium individuell - nur einige tragende Strukturen sind fest - unterteilen und ausstatten.

          Geld haben und zeigen

          Hamburg spricht inzwischen von der „teuersten Wohnung Deutschlands“, die mit Ausstattung 7,95 Millionen Euro kostet. Das hat sich so mancher nicht träumen lassen, als beim Baubeginn der Hafencity die Rede vom Vorrang zentralen Wohnens war. Doch der neue Stadtteil bietet viele Möglichkeiten. Auch junge Familien können hier zu einigermaßen erschwinglichen Preisen leben. Bemerkenswerter ist die Tatsache, dass nun, nach Jahrzehnten in diskreten Park-Vierteln, blitzblanker Reichtum in die City strömt.

          Der Turm markiert also den obersten Ausschlag auf der Immobilien-Skala. Den untersten hält das „Haus der Stille“, ein schlichter Flachbau, der, umzingelt von Kränen, Zementsilos und Betonmischern, in der Nähe des Marco Polo Tower steht wie der Zwerg beim Riesen. Sechzigtausend Euro hat der Pavillon, eine ökumenische Kapelle, gekostet, so viel wohl wie eine Palette unbearbeitetes Tropenholz für das Studiolo im Tower. Mit Lieferpaletten fing tatsächlich alles an. Genauer: mit einer zur Entsorgung vorgesehenen Fehllieferung Bauglas. Ihr Anblick alarmierte den ansässigen Architekten Stephan Schmid und weckte seinen Ehrgeiz, in der Hafencity ein Gebäude einzig aus Bauabfall zu errichten. Die Kirchen, die schwer an der Finanzlast des geplanten „Ökumenischen Forums“ im neuen Quartier tragen, stimmten begeistert zu.

          „Haus der Stille“ ist offen für alle Konfessionen

          Nur wer die Vorgeschichte kennt, sieht, dass der dezent elegante Kubus deshalb und nicht infolge Eskapismus vorwiegend aus Glas besteht. Nur die östliche Stirnwand setzt sich mit dunklem Holz wie eine kostbare Schatulle vom transparenten Baukörper ab; kleine Rundfester in Orange bilden auf ihr ein Kreuz. Die Eingangsseite bestimmt ein schlichtes Zweiflügelportal, das sich auf ein mit einfachen Betonplatten gepflastertes Vestibül öffnet. Von ihm fällt der Blick in den Saal für etwa fünfzig Personen, vor dessen Glaswänden teakholzfarbene hölzerne Paneele Intimität sichern. Eine Holzdecke, indirekte Beleuchtung der Ostwand, schmucklose Hängeleuchten und ein aus einer Schiffsplanke gezimmerter formschöner Tisch anstelle eines Altars sorgen für sakrale, doch konfessionslose Atmosphäre.

          Jedes Detail verrät, genauer betrachtet, seine Herkunft aus dem Lager für Baustellenbedarf. Im Zusammenklang und dank der perfekten Verarbeitung aber ergibt sich ein bestechend schöner Andachtsbau, den erstaunlich viele Passanten und Arbeiter aller Glaubensrichtungen, auch der islamischen, für einige Minuten Besinnung aufsuchen. So populär wie seinerzeit die rasante tomatenrote „Info-Box“ von Schneider + Schumacher auf dem Potsdamer Platz ist dieses Provisorium nicht geworden - hätte es aber verdient: Wenn die zu Sprechblasen verkommenen Begriffe „nachhaltiges Bauen“ oder „Ressourcen-Schonung“ noch einmal mit Sinn gefüllt werden könnten, dann durch diese Kapelle.

          Vor vier Wochen wurde nun der Grundstein für das künftige Ökumenische Zentrum der Hafencity gelegt. Das Saarbrücker Atelier Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, berühmt für seine Synagogen in Dresden und München, hat den Neubau entworfen. So wird er höchsten ästhetischen und funktionalen Ansprüchen genügen. Vorläufig aber steht noch das Haus der Stille. Sein stummer Dialog mit dem Marco Polo Tower übertrifft so manche Predigt über den Stand der Dinge.

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