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Architektur-Biennale in Venedig : Sind unsere Städte am Ende?

Ein modulares Haus, wie es den Aktivisten vorschwebt. Bild: Prisma

Sie wurden verdächtigt, den „kommenden Aufstand“ geschrieben zu haben, und als Terroristen verhaftet. Jetzt erklären die Aktivisten von Tarnac die Stadt für tot und bauen experimentelle Siedlungen auf dem Land.

          Die Architekturbiennale, die in der kommenden Woche in Venedig beginnt, steht diesmal unter dem Motto „Reporting from the Front“, und natürlich wird seit Monaten darüber diskutiert, was für eine Front das bitte sein soll: Ist die Architektur im Krieg, das Hochhaus eine Waffe, das neue Berliner Stadtschloss der Atombunker des Bürgertums, und was macht die Architektur an den wirklichen Fronten, an den vor allem Zelte und Container stehen – und was mit denen, die von dort kommen?

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass sich Ankündigungen von Architekturausstellungen wie Kriegserklärungen lesen, hat vielleicht auch etwas mit der Krise zu tun, in die die Architektur ausgerechnet jetzt geraten ist, wo, für die Flüchtlinge und andere, sehr schnell sehr viel gebaut werden muss, weswegen die Verantwortlichen entschieden haben, es lieber ohne Architekten zu machen, obwohl die so viele gute Ideen haben wie schon lange nicht mehr, und so sehen viele Ergebnisse dann auch aus – wie eine Architektur der guten Absichten, die nur leider erstaunlich viele Fehler wiederholt, die man bei der Unterbringung von Massen schon früher gemacht hat.

          Auf der anderen Seite arbeiten viele Architekten, Krise hin oder her, am schlechten Image ihrer Branche, in dem sie möglichst exzentrische Skulpturen bauen, die man nur ausnahmsweise und unter erheblichen Verrenkungen als Museum oder Wohnung benutzen kann.

          Das Desaster aktuellen Bauens

          In Berlin lässt sich das Desaster des aktuellen Bauens gut an zwei Projekten ablesen – dem von Daniel Libeskind im hausüblichen Karambolagedesign in die Chausseestraße hineingezackten Zapphire-Luxusapartmenthaus (Werbung: „Libeskind ist der Poet unter den Stararchitekten. Und auch diesmal hat er die passenden Worte gefunden„) und den MUFs, den „modularen Unterbringungen für Flüchtlinge“, die auch so aussehen wie ihre Abkürzung, etwas muffig nämlich.

          In diese Situation kommt jetzt noch eine neue Bewegung, die die Stadt als Ort, an dem man gern lebt, bis auf Weiteres gleich ganz aufgibt.

          Die radikalsten Vertreter dieser neuen Gruppe kann nicht nach Venedig kommen, weil sie erstens nicht eingeladen wurde und zweitens in diesem Sommer mitten in Frankreich, in Tarnac, einem kleinen Dorf im Limousin, etwas bauen will. Und Tarnac ist nicht irgendein Dorf.

          Es ist, spätestens seit dem November 2008, das berühmteste und berüchtigste Dorf Frankreichs. Damals wurde der Ort von 150 Polizisten umstellt, mehrere Hubschrauber kreisten über dem Dorf, Spezialeinheiten drangen frühmorgens in die Gebäude ein und nahmen zwanzig Frauen und Männer fest, die dort seit einiger Zeit in einer Art Kommune lebten.

          Die Anklage lautete Terrorismus – davon waren jedenfalls der damalige Präsident Nicolas Sarkozy und der Kriminologe Alain Bauer überzeugt, der beim Surfen im Internet ein Schrift gefunden hatte, die „ L’insurrection qui vient“, der kommende Aufstand hieß und von einem anonymen Kollektiv verfasst worden war.

          Die französische Gesellschaft, so die These des Buchs, stecke zwischen trübseligem Konsum, kleinbürgerlichem, unsolidarischem Egoismus und einer grundlegenden Perspektivlosigkeit fest; helfen könne an diesem Punkt nur eine Ausweitung des Aufstands, der in den Banlieues 2008 stattfand.

          Ausweitung des Aufstands

          Im letzten Kapitel des Traktats wird eine Art Anleitung zur Revolution formuliert und dazu aufgefordert, sich sein Essen in Supermärkten zu stehlen und Schnellzüge, Server, die ganze Infrastruktur des modernen Kapitalismus, lahmzulegen.

          Als im Limousin dann tatsächlich Schnellzugtrassen mit Wurfankern sabotiert wurden, schlug die Polizei in Tarnac zu, in dem sie seit Monaten verdächtige Umtriebe beobachtet hatte, die vor allem darin bestanden, dass Studenten aus Bordeaux, Paris und anderen Städten sich in einem alten Bauernhof eingerichtet hatten und dort arbeiteten, diskutierten und an einer Mischung aus Black Mountain College, Monte Verità und Kibbuz bastelten.

          Verhaftet wurden am Morgen des 11. November 2008 zwanzig zwischen 22 und 34 Jahre alte Frauen und Männer, darunter Yildune Lévy und Julien Coupat, dem vorgeworfen wurde, einer der Autoren des „Kommenden Aufstands“ zu sein, aber weil ihnen nichts nachgewiesen werden konnte, musste man sie laufenlassen.

          Ein Teil dieser seitdem legendären Tarnac-Gruppe – es waren Guillaume Maigron, der Dokumentarfilmer Florent Tillon und Benjamin Rosoux – hat jetzt, in der Nähe von Paris, an der Architekturfakultät von Marne-la-Vallée, ihre Pläne für eine neue, aus Fertigteilen zusammensetzbare Wohnarchitektur vorgestellt.

          Neue gallische Dörfer

          In ein paar Wochen will man mit Freiwilligen anfangen, diese Häuser zu bauen, die nach dem Willen ihrer Erfinder überall in Frankreich nachgebaut werden sollen, um das Land mit neuen gallischen Dörfern zu überziehen, Dörfern, in denen anders gewohnt und gearbeitet und weniger fürs Wohnen ausgegeben werden und mehr Zeit für politische Bildung und die Planung landesweiter Protestaktionen sein soll – Aufstandsdörfer, sozusagen.

          Es ist das anarchistischste Architekturprojekt, das sich von der Stadt abwendet und das Land neu besiedeln will, aber nicht das einzige.

          Dass die Großstadt für immer mehr Leute immer weniger attraktiv wird, liegt ja vor allem an Mietpreisen und Lebenshaltungskosten. Auch die Mai-Ausgabe der Zeitschrift Monocle stellt unter dem Titel „Meet the new village people“ die Frage, ob es Zeit ist, die Großstadt zu verlassen – und widmet die Hälfte der Ausgabe den besten Dörfern, in die man ziehen kann.

          Tarnac - kein Dorf wie jedes andere, wenn man den französischen Sicherheitskräften glaubt.

          Wobei dieser Gang aufs Land früher auch immer etwas Deprimierendes hatte – wie ein Eingeständnis, überfordert zu sein von Lärm, Tempo, Komplexität und Modernität der Metropolen. Aufs Land zog der Möchtegernadlige mit der grünen Breitcordhose, dem die Spiegelglasfassaden der Stadt ein Grauen waren am Bahnhofskiosk versprechen Dutzende von Country-Zeitschriften Ruhe, Idylle, Fachwerkhäuser, Sonnenblumen und durchs Abendlicht galoppierende Pferde, das Land war sozusagen der vormoderne Wellnessbereich der Großstadt – nur wenn man genauer hinschaut, stimmt das vorn und hinten nicht mehr. Es ist eher umgekehrt.

          Vormoderner Wellnessbereich

          Die Zentren der Großstädte sind komplett durchruralisiert, die von bärtigen Karohemdträgern betriebenen Cafés aus rohem Holz gezimmert, als sei nebenan nicht Großstadt und Google, sondern ein Wald voller Grizzlybären. Während die verkehrsberuhigten Stadtzentren immer dörflicher aussehen, findet außerhalb des Blickradius der Großstädte die Zukunft auf dem Land statt.

          Hier treffen von Immobilienpreisen frustrierte Städter und zwangsangesiedelte Flüchtlinge, die wegen der Residenzpflicht auf dem Land bleiben müssen, auf eine frustrierte Lokalbevölkerung, für die die Abwesenheit von Staus, Fabriken, Bürotürmen und lauten Straßen nicht Idyll, sondern vor allem Arbeitslosigkeit bedeutet.

          Hier stehen, wie Rem Koolhaas in einer Serie von Vorträgen zeigte, die Amazon-Lager und die gigantischen Daten-Serverfarmen, in denen die Daten der Großstadtgesellschaft gespeichert und ausgewertet werden. Das Handeln des Städters, der im sägerauhen Café sitzt und dabei dies und das googelt und liked, wird von den Serverfarmen auf dem Land vorausberechnet und manipuliert.

          Die Vorausberechnung des Ichs durch Algorithmen, die Vorahnung dessen, was wir in zehn Minuten oder in zehn Jahren wollen, dieser Angriff aus der Zukunft wird ausgerechnet von dem Raum aus geführt, der dem nostalgischen Städter als Reservat des einfachen Lebens erscheint: auf dem Land.

          Die ruralen Futuristen

          Doch dort siedelt sich jetzt auch eine neue Gruppe an – die ruralen Futuristen, die glauben, dass das Land ihnen mehr Freiheit gibt, dass dort andere, weniger dicht an den globalen Kapital- und Informationsströmen entlanggehäkelte Lebensentwürfe besser erprobt werden können als in der Großstadt, in der das Leben immer teurer, langweiliger und kontrollierter wird.

          Das Dorf nicht als Rückzugsort, sondern als utopische Keimzelle einer neuen Gesellschaft, die in den musealisierten Städten nicht mehr entstehen kann – daran glauben die Tarnac-Aktivisten, die den überraschten Zuhörern in Marne-la-Vallée zeigten, was für Häuser sie neuerdings mithilfe von Flüchtlingen, die sie in ihrem Dorf aufgenommen haben, bauen.

          Zelluläre Module, die man auch zu größeren Bauten zusammensetzen kann, in denen Flüchtlingsfamilien, aber auch acht oder zehn Freunde, eine Kommune, eine Gruppe von Achtzigjährigen, die nicht ins Heim will, kurz alle leben können, die für ihren Lebensentwurf keine architektonische Form finden.

          Im neuen Tarnac soll nicht wie in anderen selbstzusammengenagelten Neohippiekommunen mit Holzlatten gegen Datenströme gekämpft werden, das neue Dorf soll kein Rückzugsrefugium sein, sondern ein Basiscamp für Bürger, deren Energie nicht ganz von der Bedienung von iPads und Immobilienkrediten aufgefressen wird, ein Ort für Agitation, Veränderung der Politik durch Aktionen, Demonstrationen, massenhaften Druck von unten, und wo andere Werte gelten als in den großen Metropolen: so jedenfalls die Hoffnung der Tarnac-Kommunarden.

          Die Hoffnung der Kommunarden

          Und damit ist man auch bei einem der Hauptthemen auch der Architekturbiennale und ihrer Berichte von den ideologischen Fronten der aktuellen Architektur.

          Ein Blick ins Innere des modualren Zukunftshauses.

          Interessant wird dabei vor allem die Frage sein, wo man bei all den neuen Sozialutopien den Staat sieht, der in den linksanarchistischen Utopien vor allem als böse Polizeigewalt ins Bild marschiert – während die Stadtzentren, aus denen die neue Generation jetzt flieht, ja auch so öde und poliert und tot sind, weil ebendieser Staat seine innerstädtischen Liegenschaften meistbietend verhökert und die Bebauung der Zentren privaten Investoren überlassen hat, die die früher lebendigen Innenstädte in begehbare Anlagedepots verwandelt haben.

          Wenn in den kommenden Jahren weltweit hunderte von Millionen Migranten behaust werden und Arbeit finden sollten, wäre es eigentlich dringend notwendig, den Staat wieder in die Verantwortung für den Bau neuer Städte (oder Infrastrukturen auf dem Land, die die Zersiedlung und Zerdieselung der Landschaft durch Pendlerströme vermeiden) zu nehmen – und es ist etwas irritierend, zu sehen, wie auf Architekturbiennalen stattdessen die Selbstorganisation von Slumbewohnern in Favelas romantisiert und ebenso sympathische wie folgenlose privat organisierte Spaßveranstaltungen wie „Urban Gardening“ augiebig als neue Formen der Stadtkultur gefeiert werden.

          Selbstorganisation der Slumbewohner

          So wie der wohlhabende Italienreisende des vergangenen Jahrhunderts gerührt in einem kleinem sizilianischen Dorf seine Kamera herausholte, um die pittoresk vergammelten Häuser zu fotografieren, steht man nun vor der Favela und erfreut sich an der pittoresken Kleinteiligkeit der Bauten. Mittlerweile werden in jeder lateinamerikanischen Metropole Favela-Touren angeboten, die Website des Veranstalters Rio de Janeiro Adventure Tours listet die Favela-Führung als „ultimate Experience“ zwischen „Extreme Sports „und „Hiking“.

          Der gerührte Blick auf die Favelas, auf den Erfindungsreichtum der Armen, die etwa die Ruine des „Torre David“ in Caracas besiedelten, endet dann sehr schnell in entpolitisiertem Kitsch wie auf einer der letzten Architekturbiennalen, wo das Torre-David-Projekt sogar einen goldenen Löwen bekam – kein Wort darüber, dass in der Torre David Frauen verprügelt, Menschen gejagt und erpresst wurden und Kinder in Schächte stürzten und starben.

          Der seltsame Favela-Fetisch

          Kein Wort dazu, dass Favelas oft von Clans regiert werden, die ein paramilitärisches Schutzsystem aufgebaut haben und ein eigenes Maklersystem, das wenigen Dons viel Geld einbringt und die Bewohner in noch größere Not stürzt. Woher kommt der seltsame Favela-Fetisch, die Liebe zum „slum upgrading“, wie das immer genannt wird, als sei der Slumbewohner ein Fluggast, der freundlicherweise von „Obdachlos“ auf „Blechhütte ohne Toilette“ upgegradet wird?

          Die Architektur steckt in einer Grundsatzkrise: Auf der einen Seite produziert sie immer spektakulärere Luxuswohntürme und skulpturale Firmensitze wie den neuen Googleplex, die Superzeichen des neuen Kapitals; auf der anderen Seite wird das Kleinstteilige, das Gebastelte der Favela, die „Partizipation“ der Stadtbewohner gefeiert, wobei dieser neue Partizipationismus dann auch oft nicht mehr als der Feel-Good-Trostpreis für all die ist, die das große Ganze sowieso nicht verändern können.

          Parkplätze zu begrünen ist lustig, verhindert aber weder den Dieselskandal noch den Autobahnausbau, und es wird spannend, ob in diesem Sommer in Tarnac oder in Venedig ein neuer Frontverlauf sichtbar wird, eine Linie, die man auch Weg aus der Grundsatzkrise der Architektur und der Stadt benutzen könnte.

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