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Architektur-Biennale in Venedig : Sind unsere Städte am Ende?

Wenn in den kommenden Jahren weltweit hunderte von Millionen Migranten behaust werden und Arbeit finden sollten, wäre es eigentlich dringend notwendig, den Staat wieder in die Verantwortung für den Bau neuer Städte (oder Infrastrukturen auf dem Land, die die Zersiedlung und Zerdieselung der Landschaft durch Pendlerströme vermeiden) zu nehmen – und es ist etwas irritierend, zu sehen, wie auf Architekturbiennalen stattdessen die Selbstorganisation von Slumbewohnern in Favelas romantisiert und ebenso sympathische wie folgenlose privat organisierte Spaßveranstaltungen wie „Urban Gardening“ augiebig als neue Formen der Stadtkultur gefeiert werden.

Selbstorganisation der Slumbewohner

So wie der wohlhabende Italienreisende des vergangenen Jahrhunderts gerührt in einem kleinem sizilianischen Dorf seine Kamera herausholte, um die pittoresk vergammelten Häuser zu fotografieren, steht man nun vor der Favela und erfreut sich an der pittoresken Kleinteiligkeit der Bauten. Mittlerweile werden in jeder lateinamerikanischen Metropole Favela-Touren angeboten, die Website des Veranstalters Rio de Janeiro Adventure Tours listet die Favela-Führung als „ultimate Experience“ zwischen „Extreme Sports „und „Hiking“.

Der gerührte Blick auf die Favelas, auf den Erfindungsreichtum der Armen, die etwa die Ruine des „Torre David“ in Caracas besiedelten, endet dann sehr schnell in entpolitisiertem Kitsch wie auf einer der letzten Architekturbiennalen, wo das Torre-David-Projekt sogar einen goldenen Löwen bekam – kein Wort darüber, dass in der Torre David Frauen verprügelt, Menschen gejagt und erpresst wurden und Kinder in Schächte stürzten und starben.

Der seltsame Favela-Fetisch

Kein Wort dazu, dass Favelas oft von Clans regiert werden, die ein paramilitärisches Schutzsystem aufgebaut haben und ein eigenes Maklersystem, das wenigen Dons viel Geld einbringt und die Bewohner in noch größere Not stürzt. Woher kommt der seltsame Favela-Fetisch, die Liebe zum „slum upgrading“, wie das immer genannt wird, als sei der Slumbewohner ein Fluggast, der freundlicherweise von „Obdachlos“ auf „Blechhütte ohne Toilette“ upgegradet wird?

Die Architektur steckt in einer Grundsatzkrise: Auf der einen Seite produziert sie immer spektakulärere Luxuswohntürme und skulpturale Firmensitze wie den neuen Googleplex, die Superzeichen des neuen Kapitals; auf der anderen Seite wird das Kleinstteilige, das Gebastelte der Favela, die „Partizipation“ der Stadtbewohner gefeiert, wobei dieser neue Partizipationismus dann auch oft nicht mehr als der Feel-Good-Trostpreis für all die ist, die das große Ganze sowieso nicht verändern können.

Parkplätze zu begrünen ist lustig, verhindert aber weder den Dieselskandal noch den Autobahnausbau, und es wird spannend, ob in diesem Sommer in Tarnac oder in Venedig ein neuer Frontverlauf sichtbar wird, eine Linie, die man auch Weg aus der Grundsatzkrise der Architektur und der Stadt benutzen könnte.

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