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Architektur-Biennale in Venedig : Sind unsere Städte am Ende?

Hier treffen von Immobilienpreisen frustrierte Städter und zwangsangesiedelte Flüchtlinge, die wegen der Residenzpflicht auf dem Land bleiben müssen, auf eine frustrierte Lokalbevölkerung, für die die Abwesenheit von Staus, Fabriken, Bürotürmen und lauten Straßen nicht Idyll, sondern vor allem Arbeitslosigkeit bedeutet.

Hier stehen, wie Rem Koolhaas in einer Serie von Vorträgen zeigte, die Amazon-Lager und die gigantischen Daten-Serverfarmen, in denen die Daten der Großstadtgesellschaft gespeichert und ausgewertet werden. Das Handeln des Städters, der im sägerauhen Café sitzt und dabei dies und das googelt und liked, wird von den Serverfarmen auf dem Land vorausberechnet und manipuliert.

Die Vorausberechnung des Ichs durch Algorithmen, die Vorahnung dessen, was wir in zehn Minuten oder in zehn Jahren wollen, dieser Angriff aus der Zukunft wird ausgerechnet von dem Raum aus geführt, der dem nostalgischen Städter als Reservat des einfachen Lebens erscheint: auf dem Land.

Die ruralen Futuristen

Doch dort siedelt sich jetzt auch eine neue Gruppe an – die ruralen Futuristen, die glauben, dass das Land ihnen mehr Freiheit gibt, dass dort andere, weniger dicht an den globalen Kapital- und Informationsströmen entlanggehäkelte Lebensentwürfe besser erprobt werden können als in der Großstadt, in der das Leben immer teurer, langweiliger und kontrollierter wird.

Das Dorf nicht als Rückzugsort, sondern als utopische Keimzelle einer neuen Gesellschaft, die in den musealisierten Städten nicht mehr entstehen kann – daran glauben die Tarnac-Aktivisten, die den überraschten Zuhörern in Marne-la-Vallée zeigten, was für Häuser sie neuerdings mithilfe von Flüchtlingen, die sie in ihrem Dorf aufgenommen haben, bauen.

Zelluläre Module, die man auch zu größeren Bauten zusammensetzen kann, in denen Flüchtlingsfamilien, aber auch acht oder zehn Freunde, eine Kommune, eine Gruppe von Achtzigjährigen, die nicht ins Heim will, kurz alle leben können, die für ihren Lebensentwurf keine architektonische Form finden.

Im neuen Tarnac soll nicht wie in anderen selbstzusammengenagelten Neohippiekommunen mit Holzlatten gegen Datenströme gekämpft werden, das neue Dorf soll kein Rückzugsrefugium sein, sondern ein Basiscamp für Bürger, deren Energie nicht ganz von der Bedienung von iPads und Immobilienkrediten aufgefressen wird, ein Ort für Agitation, Veränderung der Politik durch Aktionen, Demonstrationen, massenhaften Druck von unten, und wo andere Werte gelten als in den großen Metropolen: so jedenfalls die Hoffnung der Tarnac-Kommunarden.

Die Hoffnung der Kommunarden

Und damit ist man auch bei einem der Hauptthemen auch der Architekturbiennale und ihrer Berichte von den ideologischen Fronten der aktuellen Architektur.

Ein Blick ins Innere des modualren Zukunftshauses.

Interessant wird dabei vor allem die Frage sein, wo man bei all den neuen Sozialutopien den Staat sieht, der in den linksanarchistischen Utopien vor allem als böse Polizeigewalt ins Bild marschiert – während die Stadtzentren, aus denen die neue Generation jetzt flieht, ja auch so öde und poliert und tot sind, weil ebendieser Staat seine innerstädtischen Liegenschaften meistbietend verhökert und die Bebauung der Zentren privaten Investoren überlassen hat, die die früher lebendigen Innenstädte in begehbare Anlagedepots verwandelt haben.

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