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Architektur-Biennale in Venedig : Sind unsere Städte am Ende?

Ausweitung des Aufstands

Im letzten Kapitel des Traktats wird eine Art Anleitung zur Revolution formuliert und dazu aufgefordert, sich sein Essen in Supermärkten zu stehlen und Schnellzüge, Server, die ganze Infrastruktur des modernen Kapitalismus, lahmzulegen.

Als im Limousin dann tatsächlich Schnellzugtrassen mit Wurfankern sabotiert wurden, schlug die Polizei in Tarnac zu, in dem sie seit Monaten verdächtige Umtriebe beobachtet hatte, die vor allem darin bestanden, dass Studenten aus Bordeaux, Paris und anderen Städten sich in einem alten Bauernhof eingerichtet hatten und dort arbeiteten, diskutierten und an einer Mischung aus Black Mountain College, Monte Verità und Kibbuz bastelten.

Verhaftet wurden am Morgen des 11. November 2008 zwanzig zwischen 22 und 34 Jahre alte Frauen und Männer, darunter Yildune Lévy und Julien Coupat, dem vorgeworfen wurde, einer der Autoren des „Kommenden Aufstands“ zu sein, aber weil ihnen nichts nachgewiesen werden konnte, musste man sie laufenlassen.

Ein Teil dieser seitdem legendären Tarnac-Gruppe – es waren Guillaume Maigron, der Dokumentarfilmer Florent Tillon und Benjamin Rosoux – hat jetzt, in der Nähe von Paris, an der Architekturfakultät von Marne-la-Vallée, ihre Pläne für eine neue, aus Fertigteilen zusammensetzbare Wohnarchitektur vorgestellt.

Neue gallische Dörfer

In ein paar Wochen will man mit Freiwilligen anfangen, diese Häuser zu bauen, die nach dem Willen ihrer Erfinder überall in Frankreich nachgebaut werden sollen, um das Land mit neuen gallischen Dörfern zu überziehen, Dörfern, in denen anders gewohnt und gearbeitet und weniger fürs Wohnen ausgegeben werden und mehr Zeit für politische Bildung und die Planung landesweiter Protestaktionen sein soll – Aufstandsdörfer, sozusagen.

Es ist das anarchistischste Architekturprojekt, das sich von der Stadt abwendet und das Land neu besiedeln will, aber nicht das einzige.

Dass die Großstadt für immer mehr Leute immer weniger attraktiv wird, liegt ja vor allem an Mietpreisen und Lebenshaltungskosten. Auch die Mai-Ausgabe der Zeitschrift Monocle stellt unter dem Titel „Meet the new village people“ die Frage, ob es Zeit ist, die Großstadt zu verlassen – und widmet die Hälfte der Ausgabe den besten Dörfern, in die man ziehen kann.

Tarnac - kein Dorf wie jedes andere, wenn man den französischen Sicherheitskräften glaubt.

Wobei dieser Gang aufs Land früher auch immer etwas Deprimierendes hatte – wie ein Eingeständnis, überfordert zu sein von Lärm, Tempo, Komplexität und Modernität der Metropolen. Aufs Land zog der Möchtegernadlige mit der grünen Breitcordhose, dem die Spiegelglasfassaden der Stadt ein Grauen waren am Bahnhofskiosk versprechen Dutzende von Country-Zeitschriften Ruhe, Idylle, Fachwerkhäuser, Sonnenblumen und durchs Abendlicht galoppierende Pferde, das Land war sozusagen der vormoderne Wellnessbereich der Großstadt – nur wenn man genauer hinschaut, stimmt das vorn und hinten nicht mehr. Es ist eher umgekehrt.

Vormoderner Wellnessbereich

Die Zentren der Großstädte sind komplett durchruralisiert, die von bärtigen Karohemdträgern betriebenen Cafés aus rohem Holz gezimmert, als sei nebenan nicht Großstadt und Google, sondern ein Wald voller Grizzlybären. Während die verkehrsberuhigten Stadtzentren immer dörflicher aussehen, findet außerhalb des Blickradius der Großstädte die Zukunft auf dem Land statt.

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