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Verleger von Dom Publishers : Reisende Architekten mit Koffern voller Bücher

Einkaufszentrum in Addis Abeba, Äthiopien. Der Entwurf stammt vom spanischen Architekten Xavier Vilata, durch die Öffnungen fällt Licht ins Atrium. Bild: Gonzalo Guajardo

Natascha und Philipp Meuser reüssieren mit ihrem Verlag Dom Publishers. Jetzt haben sie einen siebenbändigen Führer zu Bauten in Subsahara-Afrika publiziert.

          5 Min.

          Es ist eine der ambitioniertesten Publikationen auf dem Sachbuchmarkt in diesem Jahr. In sieben Bänden werden auf 3400 Seiten von 350 Autoren aus aller Welt rund 850 herausragende Gebäude und Bauprojekte in den 49 Ländern von Subsahara-Afrika vorgestellt. Im Werbetext wird sogar das Gewicht des Konvoluts angegeben (acht Kilo, für jedes sind 18,50 Euro zu zahlen). Wichtiger ist, dass es sich bei dem gerade erschienenen Architekturführer des Berliner Verlages Dom Publishers um eine Pioniertat handelt. Es ist die Entdeckungsreise durch einen bemerkenswert unerforschten Kontinent: So systematisch hat noch niemand wichtige Bauten zwischen Sahara und Kapstadt erfasst und beschrieben. Und sich außerdem darum bemüht, in Übersichtsartikeln die Einzelbefunde zu einer Gesamtschau von Geschichte und Theorie afrikanischer Architektur zusammenzuführen.

          Matthias Alexander
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Projekt ist das Opus Magnum des Verlags, der im Jahr 2005 vom Architektenehepaar Natascha und Philipp Meuser gegründet worden ist. Dom Publishers ist inzwischen der Primus unter den Kleinverlagen, die hierzulande für interessante Neuerscheinungen zu Architekturthemen sorgen. Gemeinsam füllen sie die Lücke, die Häuser mit einst großen Namen hinterlassen haben. Inzwischen zu Imprints von Verlagskonzernen herabgesunken, werfen diese die immer gleichen Titel à la „Die hundert schönsten Einfamilienhäuser“ auf den Markt oder veröffentlichen noch einen Bildband zu Le Corbusier. Es ist mehr als verdient, dass die Leistungen von Dom Publishers im vergangenen Jahr durch einen der mit 60 000 Euro prämierten Hauptpreise des Deutschen Verlagspreises ausgezeichnet wurden; ein Teil der Summe floss in das Subsahara-Projekt, das wegen der Auswirkungen der Pandemie ins Stocken geraten war.

          Architekten und Verleger mit Sitz in Berlin und mit der Welt als Tätigkeitsfeld: Natascha und Philipp Meuser Bilderstrecke
          Bauten in Subsahara-Afrika : Sieben Bände mit 3400 Seiten

          Im Gespräch via Zoom berichten die Meusers über ihre Arbeitsweise. Die Mitarbeiter des Verlages teilen sich die Räumlichkeiten mit jenen des Architekturbüros (wenn nicht alle, wie derzeit, im Homeoffice sitzen). Wo die Wege kurz sind, sind die Rollen fließend: Lektoren redigieren Baustellenberichte und Erläuterungstexte zu Wettbewerbsbeiträgen, Architekten schauen die Manuskripte auf Fehler bei der Beschreibung von bautechnischen Details durch, und Grafiker sind ohnehin auf beiden Seiten gut zu gebrauchen. Zwölf Mitarbeiter sind es derzeit insgesamt.

          Die Meusers sind ein Paar, das sich im Gespräch oft ins Wort fällt, um zu widersprechen oder etwas zu ergänzen, und daran ganz offenkundig Gefallen findet. Die Rollenverteilung ist in der Praxis vermutlich nicht ganz so klar, wie es die Professorin an der Hochschule Anhalt in Dessau mit einem gehörigen Schuss Ironie schildert: „Ich mache mir Gedanken um Risse im Estrich auf der Baustelle, während mein Mann über neue Städtebauideen philosophiert.“ Und während sie eher aus dem Bauch heraus entwerfe, sei er dafür zuständig, die Dinge nachträglich zu durchdenken. Mit dem Schreiben und dem Nachdenken über Architektur hat er es jedenfalls von Anfang an gehabt: Während die Kommilitonen in Architekturbüros jobbten, machte er Praktika bei Zeitungen. Und während er schon arbeitete, sattelte er ein Studium der Architekturgeschichte und -theorie obendrauf.

          Druckfrische Bücher im Gepäck

          Dass Natascha Meuser während des Zoom-Gesprächs gerade in Tunesien sitzt, wo sie ein Kindergartenprojekt betreut, und Philipp Meuser in Berlin, sei eher untypisch, sagt sie. Wenn nicht gerade eine Pandemie die Welt aus dem Rhythmus bringt, sei er auf Reisen, an bis zu 200 Tagen im Jahr. Das gehe dann so weit, dass er während einer Zwischenstation in Berlin nur den Koffer im Flur abstelle, ein paar Dinge regele und gleich wieder zum Flughafen aufbreche, frische Unterwäsche im Gepäck, vor allem aber druckfrische Bücher, die er dann zum Beispiel an Studenten in Südafrika verteile.

          Die Weltläufigkeit teilt das Paar. Ihre Eltern haben Ende der siebziger Jahre ein Unternehmen in Nordafrika gegründet, weshalb sie regelmäßig die Sommerferien in der Region verbrachte. Philipp Meuser führten ein Reisestipendium und erste Aufträge als Architekt nach Zentralasien. Dort hat er das Selbstbewusstsein entwickelt, sich in fremder Umgebung behaupten zu können. „Es gibt bei uns kein Zögern, wenn es darum geht, ein Planungsprojekt im Ausland zu machen.“

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