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Architekt Ungers gestorben : Fürst des Quadrats

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Quadrat und Würfel waren die Passion von Oswald Mathias Ungers, der Bauten wie den Erweiterungsbau der Hamburger Kunsthalle schuf. Am vergangenen Sonntag ist der Architekt gestorben.

          Unter den heutigen Architekten war er, was die Fürsten der Renaissance ihrer Zeit waren: Oswald Mathias Ungers wusste unbeirrt, was er bauen wollte. Dazu dienten ihm seine reichen Kenntnisse in Philosophie, Architekturgeschichte und -theorie, in Kunst und Mathematik.

          So sah ihn die Welt, und so präsentierte er sich ihr in seinem privatesten Bau, der zugleich sein öffentlichster war: die Bibliothek, die er 1990 an sein Kölner Haus baute. Palladio und Mies van der Rohe waren in diesem Kubus vereint, Alberti und Walter Gropius - vor allem Karl Friedrich Schinkel, dessen Büste das strenge, klassisch proportionierte Pfeilergebilde schmückte. Ungers selbst verwies auf Platons Stadt-Raum-Ideale, wenn er es kommentierte.

          Brachiales Selbstbewusstsein

          Was dort in herrischen und intimen Proportionen komprimiert war, entfaltete sich an den berühmten Bauten Ungers' zu einer klassizistisch inkarnierten Moderne. Ihre Bandbreite spannt sich von der 1994 vollendeten Residenz des Deutschen Botschafters in Washington, die schneeig auf einem Hügel thront wie die ausgenüchterte Variante von Margret Mitchells „Tara“, bis zum hermetischen Würfel, mit dem er 1996 die Hamburger Kunsthalle erweiterte, und der auf seinem scharf geböschten Sockel so stoisch ragt wie eine moderne Kaaba auf altägyptischen Tempelterrassen.

          Die fürstlichen Dimensionen eroberte Oswald Mathias Ungers sich mit einem eher bescheidenen Bau: Als er 1979 bis 1984 in Frankfurt am Main das Architekturmuseum schuf, entkernte er mit brachialem Selbstbewusstsein eine neoklassizistische Villa. Nur ihr monumentales Äußeres fand Gnade, die Jugendstilinterieurs hatten einem jungfräulich weißen, aus dem Quadrat entwickelten Raumgeschachtel zu weichen. Ungers zentrierte es um einen Turmkant, das in einer „Urhütte“, einem Vierstützengebilde mit Satteldach, endete.

          Virtuoser Architekt

          Vom „Haus im Haus“ sprach damals jeder nur einigermaßen an Architektur Interessierte. Zuvor war fast dreißig Jahre lang Ungers nur in Fachkreisen als virtuoser Architekt bekannt. Seit er, zuvor Schüler Egon Eiermanns, 1950 in Köln sein erstes Büro eröffnet hatte, bewunderte man ihn als Vollender der Moderne, stilistisch angesiedelt zwischen dem Kubismus Louis Kahns und den raumgreifenden Ensembles des jungen Mies. Beweise seines Könnens waren das 1958 erbaute eigene Wohnhaus, weitere Familienhäuser in Köln und 1967 Hochhäuser im Märkischen Viertel in Berlin.

          Auf Berlin folgte eine abrupte Schaffenspause. Ungers widmete sich als Lehrer an Hochschulen des In- und Auslands der Architekturtheorie. Basierend auf den Lehren Louis Durands, der 1820 seine Musterbücher mit geometrischen Urtypen für „jedes x-beliebige Bauwerk“ publiziert hatte, entwickelte sich das, was Spötter den „Quadratismus“, Bewunderer den deutschen Rationalismus nannten. Die Schlüssselformel für die damals festgelegten, radikalen Reduktionsformen dürfte Ungers' Wort von der „Welt als Vorstellung“ sein.

          Gefeierte Meisterleistungen

          Auf das Architekturmuseum folgte 1984, international gefeiert, Frankfurts Messe-Torhaus, eine zyklopische morphologische Konfrontation von Glas- und Steinhaus. Ebenso erhaben rezitierte im selben Jahr Ungers' Bremerhavener Polarforschungsinstitut das klassisch moderne Dampfermotiv zum urgeometrischen Halbkreis. Von der „Stadt in der Stadt“ hatte Ungers während seiner Theoriejahre oft gesprochen. Dreidimensional wurde sie 2001 mit dem Neubau des Kölner Wallraf-Richartz-Museums.

          Mitten im Herzen der einstigen Altstadt vollbrachte der Architekt das Wunder, mit dem komplexen Gefüge seiner Würfel und rechten Winkel die einstige bergende Enge wiederzubeleben - und doch der Kunst verschwenderisch Raum zu schaffen. Das waren überhaupt die Meisterleistungen des späten Ungers: Er, würdiger Nachfolger Hans Poelzigs, des Architekten „mit der Pranke“, bequemte sich bei Bedarf dem genius loci an. So 1996 beim Schutzgebäude für die antiken Thermen am Trierer Viehmarkt, oder 2006 beim klassizierenden Empfangsgebäude der dortigen Kaiserthermen.

          Nicht die Mühe der Selbstbescheidung, sondern die Qualen, die es ihm bereitete, sich letztlich immer gegen zögerliche Bauherren oder öffentlichen Unmut durchzusetzen, bewirkten, dass dieser Fürst sich eher als ein Torquato Tasso wahrnahm. Dass er, der am 30. September im Alter von 81 Jahren verstorben ist, ein Tasso mit dem Machtsinn eines Alfons II. und dem ehernen Willen des Antonio Montecatino war, wird in einigen Jahren das umgebaute Berliner Pergamonmuseum beweisen. Mit dem neuen, vierten Flügel und den weiten, Ungers-strengen Sälen bezeugt es beides: das Einfühlungs- und das Durchsetzungsvermögen eines großen Architekten.

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