https://www.faz.net/-gqz-86ls6

Jean Nouvel zum Siebzigsten : Ein Gewittergott im künstlichen Wald

  • Aktualisiert am

Er liebt die Effekte, das Groteske, den Schock. Weil er viel wagt, ist er ein Großer in seinem Fach: Zum siebzigsten Geburtstag des französischen Architekten Jean Nouvel.

          Der Architekt Jean Nouvel wurde durch ein Geräusch berühmt. Durch ein Klackern und Klicken, das an den Auslöser einer Spiegelreflexkamera erinnerte. Das Geräusch rührte von der Fassade des 1987 eingeweihten „Institut du Monde Arabe“ im 5.Pariser Arrondissement her, das vermitteln sollte zwischen der europäischen und der arabischen Kultur, insbesondere jener nordafrikanischen Länder, die einmal französische Kolonien waren.

          Jean Nouvel, geboren 1945 und seit 1970 mit eigenem Architekturbüro in Paris ansässig, hatte dafür eine Fassade entworfen, die mit modernster Technik den Effekt der Maschrabiyya, der Holzgitter vor den Fenstern der Häuser und Paläste arabischer Städte, hervorruft: Die Sonne fällt an der langgestreckten Südseite des Baus durch Tausende metallene Irisblenden hinter der Glasfassade, die sich klackernd öffnen und schließen, gesteuert von einem Computer, der die Lichtverhältnisse zu messen hat. Dass das System im Alltag oft nicht funktionierte, reiht die Fassade unter ähnliche große französische Erfindungen wie das hydropneumatische Auto ein. Trotzdem war sie der erste große Schritt zur intelligenten Fassade – einer Fassade, die in diesem Fall eben nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch intelligent war.

          Ein Hügel als Antikathedrale

          Für das Institut erhielt Nouvel den Aga Khan Award, es folgten wichtige Bauten wie 1994 die aus Glasscheiben zusammengestellte Fondation Cartier in Paris und der Justizpalast von Nantes (2000), ein strenger schwarzer Riegel, der auf einer Flussinsel gegenüber der Stadt lagert wie das hausgewordene Gesetz. Ein unerbittlich strenges, überall angewandtes Raster prägt jedes Detail dieser pathetisch metaphorischen Architektur, von der Nouvel sagt, er habe mit rechten Winkeln ein Bild des Rechts schaffen wollen – und des Gesetzmäßigen des Gesetzes. 2008 erhielt Nouvel den Pritzker-Preis, und erst in diesem Frühjahr wurde seine neue Pariser Philharmonie eröffnet.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Zu seinen elegantesten Bauten gehören die Deutschland-Filiale der Galeries Lafayette in Berlin, die Nouvel nach dem Mauerfall auf der ansonsten unter schwerem architektonischem Würfelhusten leidenden Friedrichstraße errichtete: eine gläsern schwingende Fassade, die viel eher an die Schönheit der Berliner Moderne eines Erich Mendelssohn anknüpfte als das, was daneben unter scharfem Traufhöhendiktat entstand. Das exponierteste Nouvel-Gebäude aber ist das Musée des Arts Premiers am Pariser Quai Branly, das große Museum für außereuropäische Kunst, das sich direkt neben dem Eiffelturm in einem naturbelassenen Park erhebt. Die wilde Natur durchzieht Nouvels Bauen wie ein Leitmotiv: Für die spanische Stadt Burgos hat Nouvel einen Bau entworfen, der als Gebäude nicht mehr erkennbar sein sollte: einen künstlichen Hügel, der gegenüber der Kathedrale und als pathetische Antithese zu ihr hoch über die Dächer der Stadt ragen sollte, so, als hätte die Zivilisation hier einen blinden Fleck, als hätte sich aus Vorzeiten ein frühzivilisatorisches Höhlensystem erhalten. Die haushohe künstliche Grotte im Inneren des Felsens sollte Hotels, Geschäfte und ein „Museum der Evolution“ beherbergen. Den Auslobern des Wettbewerbs war der künstliche Hügel als Antikathedrale dann doch zu gewagt.

          Eine Mischung aus Mephisto und Kojak

          Für die französische Botschaft in Berlin plante Nouvel hängende Gärten und eine überwucherte Wand, in der Wasserfälle in die Tiefe rauschen sollten – und wie alle seine Begrünungsentwürfe hatte auch dieser nichts ökologisch Korrektes und nichts Pittoreskes an sich, sondern stand eher in der Tradition einer Ästhetik des Erhabenen, die man auf Fragonards und Poussins Gemälden findet: Menschen wirken klein in seinen künstlichen Landschaften, die donnernd und krachend mit dem Pathos des Naturphänomens ins Stadtbild treten. Seine Faszination erinnert an die Begeisterung französischer Renaissancebaumeister wie Bernard Palissy für artifizielle Grotten und jene Naturnachahmung, die sie als höchste Form architektonischen Könnens ansahen.

          Nouvel ist ein Manierist, er liebt den Effekt, das Groteske und Schockhafte in seiner Architektur wie auch in seiner Selbstinszenierung. Im dröhnenden Ferrari jagte er wie ein benzingetriebenen Gewittergott durch Paris, und beim Vortrag des befreundeten Architekten Glenn Murcutt kam er zu spät und platzte mitten in dessen Vortrag hinein, doch er setzte sich nicht etwa leise hin, sondern trat mit schweren Schritten auf die Bühne, ein Mann im bodenlangen schwarzen Mantel, dem Aussehen nach eine Mischung aus Mephisto und Kojak, umarmte den verdatterten, vollkommen aus dem Konzept geratenden Vortragenden herzlich, winkte ins Publikum und ließ sich erst dann in der ersten Reihe des Saals nieder wie ein Zauberer, der sich nach gelungenem Auftritt ins Dunkel des Saals verzieht. An diesem Mittwoch wird Jean Nouvel siebzig.

          Weitere Themen

          Hakuna Matata Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Der König der Löwen“ : Hakuna Matata

          25 Jahre nach dem Original kommt „Der König der Löwen“ als Neuverfilmung zurück in die Kinos. Die Tricktechnik überwältigt, doch der Spagat zwischen Königsdrama und Tierdoku will nicht so ganz gelingen.

          Untreue-Verdacht bei Öko-Test

          Durchsuchung in Frankfurt : Untreue-Verdacht bei Öko-Test

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt ermittelt bei der Öko-Test Holding AG. Es geht um den Verdacht der Untreue. Die Aktivitäten der Zeitschrift „Öko-Test“ seien nicht von der Ermittlung betroffen.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.