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Architekt Terunobu Fujimori : Bauen wie in der Bronzezeit

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Wohnt hier Fred Feuerstein? Die Fassadenbretter seines Teehauses hat Terunobu Fujimori händisch geflammt. Bild: Hertha Hurnaus

Der japanische Architekt und Modernehasser Terunobu Fujimori will mit einem Teehaus die archaische Baukunst wiederbeleben. In Hombroich steht nun eines seiner traditionellen Teehäuser.

          3 Min.

          Japans führender Intellektueller in Sachen Baukunst spricht kein Englisch. Zumindest tut er so. Vielleicht ist es ein Ausdruck japanischen Stolzes – und des Selbstverständnisses Japans als einer Inselnation, die auch ohne Anschluss an die Welt glücklich ist. Der Architekt und Theoretiker Terunobu Fujimori hat die japanische Architektur derzeit fest in der Hand – egal, ob es um den Biennale-Beitrag Japans in Venedig oder die Mammut-Schau japanischer Architektur im Mori-Museum in Tokyo geht, stets gibt Fujimori den Takt vor.

          Seit 2016 ist er Direktor des Edo-Tokyo-Museums, einem metabolistischen Prachtbau, in dem sich die größte Stadt der Welt präsentiert. Fujimori ist nicht nur kenntnis- und einflussreich, er ist auch auf charmante Art eigen. In Deutschland wird sein verschrobenes Architekturverständnis nun erstmalig präsentiert: Im Architekturmuseum der Insel Hombroich ist nicht nur die erste monographische Schau zum Werk des Exzentrikers zu sehen, die Stiftung Insel Hombroich hat außerdem ein aufgeständertes Teehaus nach Entwurf von Fujimori auf ihrer Raketenstation südlich von Neuss errichtet.

          Rheinisches Teehaus

          Fujimori legt bei seinen Entwürfen stets Wert auf die Verwendung natürlicher Materialien und traditioneller Bauweisen. Die schwarzen Holzfassaden des rheinischen Teehauses etwa hat er im Yaki-sugi-Verfahren von Hand geflammt und für die tropfenförmigen Fenster mundgeblasenes Glas in handgelöteten Blei-Rahmen verwendet. Aufgeständert ist das Haus auf unbehandelten Robinien-Stämmen. Fujimori hat ein ausgeprägtes Interesse an historischer und prähistorischer Architektur; vor einiger Zeit ist der kauzige Architekt zu dem Schluss gekommen, dass man die Moderne einstampfen und es mit der Architektur der Bronzezeit noch einmal ernsthaft versuchen sollte. Fujimoris schrullige und klobige Teehäuser sehen aus wie aus einem Fred-Feuerstein-Film, garniert mit Asterix-, Ghibli- und Schlumpfhausen-Elementen.

          Schon in der epochalen, von Fujimori erdachten Ausstellung „Japan in Architecture“ hatte er sein Vorbild für das Teehaus in Hombroich originalgetreu nachbilden lassen. Es ist das Tai-an Cha-chitsu von Sen no Rikyu, dem prägenden japanischen Teemeister des sechzehnten Jahrhunderts. Dieser Tee-Raum, nur zwei Tatami-Matten groß, gilt als Paradebeispiel der fernöstlichen Wabi-Ästhetik. Einen eleganten Teeraum mit Reisstroh-Matten und Papier-Fenstern sollte man in Hombroich allerdings nicht erwarten.

          Der Architekt Terunobu Fujimori setzt auf natürliche Materialien.
          Der Architekt Terunobu Fujimori setzt auf natürliche Materialien. : Bild: Hertha Hurnaus

          Fujimoris Entwurf für das Rheinland sah vielmehr ein nahezu cartoonhaft infantiles Teehaus vor. Mit seiner kalkuliert imperfekten und asymmetrischen Ästhetik schafft Fujimoris Teehaus einen urigen „Ort zwischen Himmel und Erde“. Fujimori bezeichnet sich selbst als „Freistil-Gestalter“. Seine radikale Alternative zur zeitgenössischen Architektur bezieht sich das Japan vor der Meiji-Zeit, das sich noch nicht dem Westen gegenüber öffnete.

          Wende in der Baukunst

          Aufbauend auf Arata Isozakis bahnbrechendem Buch „Japan-ness in Architecture“ (2006) will Fujimori eine Wende in der Baukunst einleiten, weg von einer rationalen und kalten Moderne hin zu einer mysteriösen, einheimischen Architektur aus dem Märchenbuch. Vielleicht ist Fujimoris Total-Absage an die Moderne, sein Unbehagen angesichts der Globalisierung und die unverblümte Romantisierung der Vergangenheit nicht nur das Werk eines humorvollen Architektur-Rentners: Sie passt auf jeden Fall gut in ein Japan mit nationalistischem Regime, das politisch und wirtschaftlich von seinen Nachbarn zunehmend übertrumpft wird und sich von der Bühne der Welt zurückzieht.

          Fujimoris Vertrauen auf die Kraft der vernakulären Baukunst gleicht einer Übersprungshandlung in einem gnadenlos durchurbanisierten Land wie Japan. Die von Frank Boehm und Leonhard Panzenböck kuratierte Ausstellung über Fujimori problematisiert diesen Aspekt nicht. Für den Bau eines Teehauses seien nur zwei Dinge nötig, so Fujimori: „Geld und Bildung“. Beides ist zwar in Hombroich vorhanden, aber passt der japanische Urhütten-Entwurf in den Kontext der strengen Klinker-Architekturen von Hombroich? Nicht stilistisch, aber in seiner Suche nach dem Primitiven fügt sich das vogelscheuchenförmige Teehaus in seinen künstlerischen Kontext ein.

          Mit seiner kalkuliert imperfekten und asymmetrischen Ästhetik schafft Fujimoris Teehaus einen urigen „Ort zwischen Himmel und Erde“.
          Mit seiner kalkuliert imperfekten und asymmetrischen Ästhetik schafft Fujimoris Teehaus einen urigen „Ort zwischen Himmel und Erde“. : Bild: Hertha Hurnaus

          Die architektonische Rückwärts-Avantgarde, die Fujimori anführt, knüpft an die Abschottungspolitik an, die das Tokugawa-Shogunat ab Mitte des siebzehnten Jahrhunderts Japan befahl – und damit das Land völlig vom Ausland isolierte. Als Reaktion auf das Zeitalter der Krise des Multilateralismus würde Fujimori am liebsten mit seinen Entwürfen an die Jomon- und Yayoi-Zeit anknüpfen, was ungefähr vergleichbar wäre mit dem Vorschlag, hierzulande noch einmal an die Traditionen der Römer-und-Germanen-Zeit anzusetzen, oder sogar davor. Manch ein Permakulturalist träumt tatsächlich davon. Vom Geist einer Raketenstation ist all das recht weit entfernt.

          Terunobi Fujimori. Ein Stein-Teehaus und andere Architekturen. Raketenstation Hombroich, bis zum 29. November. Kein Katalog. Teezeremonien buchbar unter www.inselhombroich.de

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