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Architekt Simon Ungers : Blitz, Donnerkeil und gotisches Metall

  • -Aktualisiert am

Als sei in ihm die Energie von Jahrhunderten geballt: Simon Ungers Leipziger Kirchenentwurf ist ein Donnerschlag der Architekturgeschichte. Ihn und anderes zeigt eine Ausstellung im Frankfurter Architekturmuseum.

          Egal, ob sie talentiert sind oder nicht - betätigen sie sich auf demselben Feld wie ihre Erzeuger, ist Söhnen berühmter Väter die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sicher. Man denke nur an die verzweifelten Bemühungen Klaus Manns, als Schriftsteller nicht ewig am Werk seines Vaters gemessen zu werden, oder an die ewigen Vergleiche mit den Taten seines Vaters George H., die George W. Bushs Präsidentschaft in den Vereinigten Staaten begleiteten.

          Auch der kleinere Kreis Architekturinteressierter horchte schon immer auf, wenn es um Väter und Söhne ging. In den frühen fünfziger Jahren wurde Gottfried Böhm lange am Genie seines Vaters Dominikus gemessen, ehe sein eigenes anerkannt wurde; in unserer Generation musste sich Christoph Mäckler aus dem Schatten seines angesehenen Vaters Hermann lösen.

          Wie sein Vater bevorzugte er gewalttätige Formen

          Simon Ungers blieb es durch seinen vorzeitigen Tod im Jahr 2006 verwehrt, sich als seinem Vater Oswald ebenbürtiger Architekt zu beweisen. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main würdigt nun in einer Ausstellung sein außergewöhnliches Talent. Dass Simon Ungers ähnlich gewalttätige Formen bevorzugte wie sein Vater, dass auch er monumentale Kuben ersann, deren übermächtige Proportionen, Maße und rechte Winkel dem Gewusel unserer verbauten Städte eine diktatorische moderne Neorenaissance gegenübergestellt hätten, dass er, ganz anders als sein Vater, auch Kurven und Stege zu ausgreifenden, geschmeidigen Großbauten fügen wollte - all das verblasst vor der Faszination eines 2004 entstandenen Entwurfs: „Erat Ecclesia“ heißt er, trägt den Untertitel „Once were cathedrals“ und befasst sich mit der Universitäts- respektive Paulinerkirche in Leipzig.

          Man hat noch den Streit um diesen gotischen Sakralbau in den Ohren, der jahrhundertelang Leipzigs Augustusplatz und die Universität beherrscht hatte, 1968 gegen den Willen der Bürger auf Druck der SED gesprengt worden war, und den man seit den neunziger Jahren in Gestalt einer detailgetreuen Rekonstruktion als Teil des geplanten neuen Campus zurückhaben wollte.

          Ein Donnerschlag, auf die Wesensmerkmale der Gotik reduziert

          Im März 2004 entschied ein Wettbewerb für einen Entwurf des niederländischen Architekten Erich van Egeraat, der die Kirche in Gestalt einer Aula memoriert, die ein maßstabsgerechtes Fassadenzitat aus Betonplatten und eine zerklüftete neoexpressionistische Dachlandschaft zeigt.

          Gegen diesen bei aller Pathetik flauen Kompromiss setzte Simon Ungers im selben Jahr einen Donnerschlag. Sein Modell zeigt einen zweifach rechtwinklig geknickten Metallkeil, der wie ein schneidender Blitz nach oben zuckt und dennoch unverrückbar auf der Erde zu stehen scheint. Auf die entscheidenden Wesensmerkmale der Gotik reduziert, wirkt dieses spitzige Gebilde aus korrodiertem Stahl, als seien in ihm die Energie von Jahrhunderten, die Wut des Verlustes und das Aufbegehren wider ihn geballt.

          Sie alle werden nie gebaut werden

          Eine Fotomontage zeigt, welche spektakuläre ergreifende Wirkung der Ecclesia-Blitz als monumentale freistehende Figur auf dem Augustusplatz gewonnen hätte. Wir, die wir seit dem Bilbaoeffekt und seinen zahllosen Adepten der architektonischen Sensationen müde geworden sind, zucken zusammen: So eindringlich könnte (Bau-)Kunst noch sein, so bezwingend.

          Doch weder dieses Gebilde noch Simon Ungers' ebenso markante Bibliothek, weder sein aus Wolkenbügeln gefügtes „Museum für Russische Revolutionskunst“ noch sein schraubenartig sich nach oben windendes Theater werden je gebaut werden. Aber als Inspirationsquelle warten die Modelle, Skizzen und theoretischen Schriften auf empfindsame Betrachter und aufgeschlossene Leser.

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