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Kunst in den Emiraten : Generation Golf

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Louvre, Außenstelle: Der französische Außenminister Laurent Fabius (Mitte und Architekt Jean Nouvel (links) besichtigen den Museumsbau auf der Insel Saadiyat, Abu Dhabi. Bild: AFP

Frauen leiten Museen, der Markt boomt, Jean Nouvel baut einen arabischen Louvre – und was wird aus unseren Vorurteilen über die Emirate?

          Zehn Kilometer über Iran wird das Mittagessen serviert. Hühnchen oder Fisch, beides ist halal. Der Wein schmeckt, das Filmangebot ist ausgezeichnet. So weit okay, die Reise in den Orient. Doch was ist das? Die Körper der urlaubenden Frauen in dem Wallstreet-Film „The Big Short“, diese leichtbekleideten Frauenkörper sind verschwommen! So ist das also, wenn man in die fünfziger Jahre fliegt, die sich als Zukunft verkleidet haben, denkt der Westler im Flugzeugsitz, da kann der Bildschirm noch so breit sein. Aufmerksam lauert man fortan auf Eingriffe der Zensur. Und findet sie. Wenn einer „fuck“ sagt im Gangsterfilm „Legend“ – und es wird da sehr oft und sehr ausdrucksreich „fuck“ gesagt, hoch lebe die englische Arbeiterklasse –, dann muss es in den Emirates-Fluglinien-Untertiteln immer „forget“ heißen, also: „Vergiss deine Frau“ oder „Vergiss dich“. Alter, vergiss dich doch!

          Wenn aber, andererseits, der brutale Gangsterzwilling Reggie Kray aus „Legend“ in den fünfziger Jahren ungerührt darüber spricht, dass er sich für Männer interessiere, sagt er das, ohne dass irgendwas anderes daraus gemacht wird. Dabei ist Homosexualität in den Vereinigten Arabischen Emiraten kriminell. Händchenhalten übrigens auch. Und vorehelicher Sex. Und Gewerkschaften. Praktisch alles, wofür der Westen mutig einsteht, ist in Dubai, Katar, Abu Dhabi und Schardscha verboten. Außer Einkaufen. Und hier soll der Kunstmarkt boomen? Hier fliegen im März alle Kuratoren hin, um der Kunst und der freien Meinungsäußerung das Wort zu reden? In Abu Dhabi entwarf Jean Nouvel dem Louvre eine Dependance, von schlechtbezahlten Gastarbeitern errichtet und von der Herrscherfamilie Abu Dhabis teuer bezahlt? In den Emiraten wollen wir uns eine Museumsausstellung zeitgenössischer Kunst ansehen, eine Kunstmesse und auch noch kritische Art Talks?

          Das klingt schön und demokratisch

          Das kann ja heiter werden. Was, denkt der vom französischen Rotwein schon einigermaßen zolahaft gestimmte Passagier, was sind eigentlich die Grenzen dessen, was man in einer staatlichen arabischen Fluglinie vorführen darf ? Und bei einer arabischen Kunstmesse? Und in einem arabischen Louvre? Werden sie die Aktgemälde im Louvre Abu Dhabi bei der Eröffnung dann auch digital verschwimmen lassen? Und warum nehmen die eigenen Gedanken eigentlich immer diese seltsame Brezelform an, sobald man in einem nichtdemokratischen Land Kunstausstellungen ansieht?

          Die Kunstwelt am Golf ist jetzt schon erstaunlich weiblich.

          Bevor man nach Arabien fliegt, um Kunst anzusehen, überprüft man besser die eigenen Vorurteile, sie hängen einem sonst unangenehm schwer um den Hals. Und die Schuhsohlen überprüft man am besten auch: auf eventuelle Reste von Haschisch oder Mohnsamen (!), durch die man versehentlich gelaufen sein könnte. Ein Krümelchen davon, warnt der Reiseführer, reicht für einige Jahre Gefängnis.

          Es sind gemischte Gefühle, mit denen man aus Mitteleuropa an den Golf fährt. Aber es hilft ja nichts, man muss hinfahren, wenn man etwas wissen will. Der frühe Frühling ist eine gute Zeit, der März ist der Kunstmonat in den Emiraten. Die Dubai Art Week findet dann statt, mit der Kunstmesse Art Dubai als Flaggschiff, begleitet von den Design Days, von Galerieeröffnungen, Talks und vielem mehr. Im Emirat Schardscha, dem traditionsbewussten Nachbarn von Dubai, finden kurz zuvor die mehrtägigen March Meetings statt, eine jährliche Konferenz, initiiert und kuratiert von Hoor al Qasimi, der Tochter des absolut regierenden Emirs von Schardscha. Die Themen: Bildung, Engagement, Teilhabe. Das klingt schön und demokratisch. Aber ist es das auch?

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