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Architekt Claude Parent : Auf der schiefen Bahn

Claude Parent ist der letzte Pariser Supermodernist. Er hat Fußböden als Rampen und Supermärkte wie Felsen gebaut. Für seine Wohnlandschaften wurde er gefeiert - für seine Atomkraftwerke gehasst. Jetzt muss er neu entdeckt werden.

          Zu jeder großen Theorie gibt es eine Geschichte, einen Mythos davon, wie sie entdeckt wurde; im Fall von Claude Parent spielt diese Geschichte an einem französischen Atlantikstrand, in einer Dünenlandschaft, in der die Überreste des Atlantikwalls versinken. Zwischen 1942 und 1944 hatte die Deutsche Wehrmacht an der europäischen Westküste auf 2685 Kilometern Länge etwa 8200 Bunker gebaut, um die Landung der Alliierten zu verhindern; viele dieser Bunker sind nach heftigen Winterstürmen von den Dünen abgerutscht und stecken jetzt, gekippt, schief, wie aus großer Höhe abgeworfen, im Sand.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Als der Architekt Claude Parent in den sechziger Jahren zusammen mit dem neun Jahre jüngeren Philosophen Paul Virilio in seinem Jeep durch diese Dünenlandschaften fuhr, hielten sie an einem Bunker, der zur Hälfte im weichen Sand versunken war, und traten durch eine enge Öffnung hinein. Es war ein merkwürdiger Raum: Der Boden war so schräg, dass man nicht wusste, ob das, worauf man stand, ein gekippter Boden oder eine ehemalige Wand war, überhaupt hatten Begriffe wie „Wand“, „Boden“, „oben“ und „unten“ hier drinnen keinen Sinn mehr. Es war, sagt der 1923 geborene Parent, als wir ihn in seinem Pariser Büro treffen, ein Raumgefühl, wie man es sonst nirgendwo hatte: ein Taumel, ein Schwindel, wie ihn nicht einmal die turbulentesten Barockkirchen hervorrufen würden.

          Wir sind vollkommen übermöbliert

          Parent war damals, mit Ende dreißig, ein bekannter Architekt: Er hatte im Atelier von Le Corbusier gearbeitet; er hatte mit dem Maison G, das er 1952 mit seinem Kollegen Ionel Schein bei Paris baute, den amerikanischen Bungalow-Modernismus nach Frankreich gebracht; er hatte für den Künstler André Bloc ein Haus aus kunstvoll übereinandergestapelten Kisten entworfen, dazu ein paar sehr amerikanische Supermärkte und Tankstellen und das „Haus des Irans“ in der Cité Universitaire von Paris; er hatte zusammen mit Yves Klein eine pneumatische Rakete erfunden und ohne ihn ein Auto, das aussah wie eine überdimensionierte Fliege, die statt Beinen Räder hat. Claude Parent war einer der erfolgreichsten Architekten seiner Generation und trotzdem eher unbekannt. Beides änderte sich, nachdem er den Bunker verlassen hatte.

          Seit dem Besuch im Bunker, sagt Parent, habe ihn das Gefühl, auf einem schrägen Boden zu stehen, nicht mehr losgelassen. Er begann, die Dinge aus dem Gleichgewicht zu bringen. Für den Industriellen Gaston Drusch hatte er bei Versailles eine Villa gebaut, die aussah, als wäre ein Bauhaus-Kubus ganz ähnlich wie die Atlantik-Bunker um exakt 45 Grad in den Boden gesackt - aber so etwas war ihm nun nicht mehr extrem genug. Deswegen tat er etwas, das ihn zum Liebling der Intellektuellen in Paris machte und seine bis dahin sehr erfolgreiche kommerzielle Karriere abrupt beendete: Er beschloss, nur noch schräge Böden zu bauen. Er schrieb mit Virilio Pamphlete wie „Vivre à l'Oblique“ - das Leben auf der Schräge. Und noch heute, wenn man den jetzt 87-Jährigen in seinem Büro in Neuilly trifft, spricht er mit einer ungebrochenen Begeisterung davon, wie dieses Leben auf der Schräge die sozialen Beziehungen dynamisieren und in andere Richtungen lenken könne: „Überlegen Sie mal, wie langweilig es in unseren Häusern zugeht. Das Kind sitzt im Kinderzimmer. Der Hausherr auf dem geerbten Sofa. Wir sind vollkommen übermöbliert. Wie wäre es dagegen, wenn man Raum spielerischer auffasste, freier, wenn Bewegung und Dasein im Raum auch klettern, liegen, rutschen bedeuten könnte?“ Und was, war die Frage, passierte, wenn man sich anders gruppieren muss, als die sozialen Vorgaben von Stuhl, Tisch, Sofa, Bett es verlangen?

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