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Archäologie : Tanz auf der Nadelspitze

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Der „Tanzende Satyr“ von Mazara del Vallo blieb 1998 vor Sizilien im Schleppnetz eines Schifferbootes hängen. Über die Herkunft der graziösen Bronze rätselt die Wissenschaft. Sollte die Figur der im Altertum hochberühmte Satyr des antiken Bildhauers Praxiteles sein?

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          Eines der am meisten bewunderten Bilder bei der jährlich in Paestum stattfindenden Börse des archäologischen Tourismus war in diesem November der „Tanzende Satyr“ von Mazara del Vallo. Mit ihm warb Sizilien. Doch niemand wusste genau, was es mit der prächtigen Bronzeplastik eigentlich auf sich hat. Offenbar genügt die Schönheit dieses weinselig auf einem Bein herumwirbelnden Gefährten des Dionysos mit den spitzen Ziegenohren. Das andere Bein wirft er hoch und blickt, den Kopf im Nacken, mit seinen großen, aus Elfenbein und Glas eingesetzten Augen verzückt nach oben. Man darf vermuten, dass er den Pinienzapfen auf der Spitze eines Thyrsosstabes anschaut, den er mit der Rechten über dem Haupte schwang.

          Aufregend genug ist, dass diese Großbronze 1998 im Schleppnetz eines Schifferbootes in der Meerenge zwischen Sizilien und Tunis hängen geblieben und jahrelang aufwendig restauriert worden war. Leider fehlen dem sonst gut erhaltenen Satyr das Schwänzchen, die Arme zu mehr als der Hälfte und das linke Bein. Doch man kann sich in Gedanken das rasante Bewegungsmotiv ohne weiteres ergänzen.

          Wie kam die Bronze auf den Meeresgrund?

          Endgültig fand die Plastik Aufstellung in dem neuen Museum des Satyr von Mazara del Vallo an der Südwestküste Siziliens. Zuvor war sie im römischen Abgeordnetenhaus und 2007 in der großen Praxiteles-Ausstellung in Paris der Welt bekannt gemacht worden. Sofort kam es zu einem bisher ungelösten wissenschaftlichen Streit: Sollte die Figur der im Altertum hochberühmte Satyr des Praxiteles sein? Diese Frage wurde im Katalog der Louvre-Ausstellung ausweichend beantwortet: „Entweder ist alles frei schweifende Phantasie, was bisher über Praxiteles gesagt wurde, oder ganz gleich, ob Original oder Kopie, der Satyr gehört nicht zu seinem Werk.“

          Drei Fragen bestehen: Ist die Bronze ein Original, ist sie von Praxiteles, und wie kam sie auf den Meeresgrund? Wenn man die erste Frage bejahen kann, und das ist der Fall, dann sind auch die beiden anderen lösbar. Aus zahlreichen Wiedergaben in stadtrömischen Reliefs weiß man, dass die Figur sich bis zur Spätantike in Rom befand. Dass sie von dort stammen muss, geht auch daraus hervor, dass mit ihr zusammen ein lebensgroßes Elefantenbein aus Bronze geborgen wurde. Dieses muss von einem Elefantenviergespann stammen, welche es nachweislich nur auf Triumphbögen in Rom gab. Bekannt ist, dass der Vandalenkönig Geiserich bei seiner den Begriff des Vandalismus prägenden Plünderung Roms im Jahre 455 Raubgut auf dreißig Schiffen in die Hauptstadt seines Reiches in Tunesien verfrachten ließ. Wörtlich heißt es im „Vandalenkrieg“ des Historikers Prokop 1,5: „Eines der Schiffe von Geiserich, und zwar dasjenige, welches die Statuen transportierte, ging verloren, während die Vandalen mit allen anderen den Hafen von Karthago erreichten.“

          Was die antiken Quellen sagen

          Über Praxiteles, der sowohl in Bronze als auch in Marmor arbeitete, gibt es mehr Nachrichten aus der Antike als von anderen Künstlern. Er ist auch der einzige, von dem ein Original erhalten ist: die marmorne nackte Hermesstatue in Olympia. Wenn die Nacktheit der Frau weiser ist als die Lehre der Philosophen, wie Max Ernst gesagt haben soll, wie ist es dann mit der Nacktheit des Mannes? Männliche Nacktheit wird heutzutage seltener ins Bild gesetzt als die der Frau. In der griechischen Kunst war es umgekehrt. Seit archaischer Zeit gab es unbekleidete Jünglingsstatuen, die sogenannten Kuroi. Apollo sowie andere männliche Götter und auf jeden Fall die halbgöttlichen Satyrn wurden nackt dargestellt, nicht aber die Mänaden; unter den weiblichen Göttinnen nur die Liebesgöttin, und auch diese erst seit der Zeit des zwischen 370 und 320 tätigen Praxiteles.

          Hier kommt Phryne, seine Geliebte ins Spiel, die das Vorbild der ersten unbekleideten Aphroditestatue, der „Venus von Knidos“, gewesen sein soll. Von ihr sprechen antike Quellen auch im Zusammenhang mit einem Satyr: Phryne wollte wissen, welches seiner Werke Praxiteles das liebste sei, und schickte einen Sklaven zu ihm mit der Botschaft, die Werkstatt sei verbrannt. Praxiteles rief verzweifelt aus: „Auch der Satyr? Dann bin ich verloren!“ Da trat Phryne vor und beruhigte ihn; sie wisse jetzt wenigstens, welche seiner Skulpturen er am höchsten schätzte.

          Praxiteles hat noch zwei andere durch römische Marmorkopien bekannte Satyrn geschaffen: den Einschenkenden und den Angelehnten. Man kann also nicht sagen, welcher der in der Phryne-Anekdote erwähnte ist. Doch wenn der Satyr von Mazara del Vallo ein Werk des Praxiteles wäre, wüsste man, warum er einen seiner drei Satyrn so über alles stellte. Denn in dieser frei stehenden Plastik hat der Schöpfer eine Grenze überschritten – die wirbelnde Bewegung auf der Spitze eines Fußes übertrifft noch die des berühmten Diskuswerfers von Myron.

          Die Bedeutung des Schilfrohrabdrucks

          Wie aber beweisen, dass die Bronze aus dem Meer tatsächlich das Original ist? Auf der Innenseite findet sich am Rippenrand der Abdruck einer Matte aus Schilfrohren. Der bekannte Bronzekünstler der Renaissance, Benevenuto Cellini, schreibt 1568 in seiner Anleitung für den Bronzeguss „a cera persa“, dessen Technik seit dem Altertum unverändert war: „Nimm eine Anzahl von Schilfrohren, die du nach Bedürfnis biegst und mit Geschick so ineinandersteckst, dass sie sich, bei den untersten Öffnungen beginnend, der Figur entlang aufwärtswinden, ein Rohr an das andere fügend und dann alle zusammen in eines, gegen den Kopf der Figur hin.

          Gehe sehr vorsichtig zu Werk, die Rohrstücke bündig dicht zu machen, und dort, wo sie in die Löcher einmünden, verschmierst du sie mit etwas Tonschlick, um das Aussickern des Wassers zu vermeiden. Nach alledem kannst du jetzt kühn zu Werke gehen, dein gut geschmolzenes heißes Wachs aufzutragen, und du kannst sicher sein, dass auch die heikelste Haltung deiner Figur dank der angegebenen Vorkehrungen – insbesondere, wenn du den Luftlöchern der Basis alle Acht geschenkt hast – sich mit Leichtigkeit gänzlich füllen wird.“

          Unbestreitbares Original

          Das ist die Erklärung für den Abdruck von Schilfrohren auf der Innenseite der Bronze. Sie dienten dazu, die Gase abzuleiten, die beim leichten Brennen des Tonkerns entstanden. Darüber wurde die Wachsschicht zur Figur modelliert, und schließlich wurde das Wachs beim Ausschmelzverfahren durch die Bronzewandung der Plastik ersetzt. Man spricht von der verlorenen Form, von der es also nur ein Original geben kann. Somit ist der Satyr unbestreitbar ein Original.

          Bleibt die Frage nach dem Schöpfer, die allein aufgrund der Beurteilung des Stiles beantwortet werden kann. Nicht nur ich halte den Satyr für rein praxitelisch. Hier wird es immer verschiedene Meinungen geben. Aber gerade ein Detail, nämlich die Formung des männlichen Gliedes, die bei diesem Meister besonders charakteristisch ist, spricht dafür, dass wir es wirklich mit dem hochberühmten Satyr des Praxiteles zu tun haben.

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