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Archäologie in Köln : Wann, wenn nicht jetzt, wer, wenn nicht ihr?

  • -Aktualisiert am

Sand drauf, Schwamm drüber: Die „Archäologische Zone“ vor dem Kölner Rathaus ist eine Schatztruhe der Geschichte. Doch die Stadt denkt daran, das Areal wieder zuzuschütten, um es späteren Generationen zu überlassen. Das wäre eine Tragödie.

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          Die Bronze fühlt sich rauh an, pockennarbig. Viele der winzigen Aussparungen in dem Fragment sind noch mit Erde verkrustet, der Glanz ist nur zu ahnen - und doch ist man gefesselt von der Schönheit der Greifen und stilisierten Türme, die als durchbrochenes Ornamentband die Fläche gliedern. Heute morgen habe man das Stück aus dem Schutt gesiebt, sagt der Grabungsleiter Sven Schütte.

          Was unsereiner wohl für zerbrochenen Tinnef gehalten hätte, den Rest irgendeines kitschigen Souvenirs, ist das Fragment einer Sabbat-Ampel wohl aus dem dreizehnten Jahrhundert. Ans Tageslicht ist sie vor dem historischen Kölner Rathaus gekommen, bei der grazilen Rathauslaube, dem 1569 errichteten Meisterwerk der flämischen Renaissance. Kurz darauf wird ein weiteres Bruchstück geborgen, die Spitze der Ampel mit sieben Zungen für die Dochte.

          Immer wieder, sagt Schütte, gebe es solche Funde, mittelalterliche, römische, jüdische, christliche. An einem Tag mehren sich antike Stücke, an einem anderen die der jüngsten Vergangenheit; ein angekohlter Stapel des „Völkischen Beobachters“ zum Beispiel, oder ein Wasserglas mit einem Gebiss, vergessen bei der Flucht vor den Bomben.

          Bald wird die Sabbatampel gereinigt sein und vielleicht so glänzen wie einst, als sie in der Synagoge leuchtete, ehe sie nach der Vertreibung der Juden von 1424 an als Ratskapelle St.Maria in Jerusalem diente. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie dann zerbombt und 1953, als man die Trümmer vor der Planierung untersuchte, als Zentrum des einstigen jüdischen Viertels am Rathaus identifiziert. Seit 2007 wird dort wieder gegraben.

          Die älteste Synagoge nördlich der Alpen

          Begonnen hat man neben der Mikwe, dem fünfzehn Meter tiefen, jüdischen Ritualbad, das in den achtziger Jahren öffentlich zugänglich gemacht worden war. Unter den Mauern und Wandnischen der Männer- und der Frauensynagoge stieß man auf ältere Schichten, die untersten stammen aus karolingischer Zeit, womit feststeht, dass Kölns Synagoge die älteste bisher bekannte nördlich der Alpen ist. Ihr Vorhof, auch das eine geradezu atemraubende Erkenntnis, war die Rundung der grandiosen Apsis des Praetoriums, des römischen Statthalterpalasts, der später Königssitz der Merowinger war.

          Um diesen Kern breitet sich ein undurchdringliches Gewirr aus Kellern, Gängen, Bögen und Nischen aus. Es sind die Reste des jüdischen Viertels. Wand an Wand mit ihm, so bezeugen es die Untergeschosse der Häuser des Goldschmiedeviertels, lebten die Christen. Die Nachbarschaft war eng. Lange Perioden friedlichen Zusammenlebens wurden, das bezeugen Brandspuren, jäh von Pogromen unterbrochen, denen neues, noch enger verzahntes Zusammenleben folgte.

          Als wäre das nicht genug, stoßen die Archäologen immer wieder auch auf Reste römischer Bauten. Eine Thermenanlage, monumentale Travertinquader, Estriche, Bassins und Ziegelverbände sind kreuz und quer mit den mittelalterlichen Fundamenten verbacken; manche reichen fast bis zum heutigen Bodenniveau. So dicht also liegt das römische Köln unter dem modernen. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“ - Rudolf Pörtners Klassiker suggeriert eine versunkene verborgene Stadt, so wie sie der Autor 1959 sah, als man Teile des Praetoriums in einer öffentlichen „archäologischen Krypta“ konservierte. Diese Unterwelt existiert weiter in dem Areal, das nun „Archäologische Zone und Jüdisches Museum“ heißt.

          Armdicke Risse im Quaderwerk der Römer

          Doch sie rückt immer näher in die Gegenwart und ist inzwischen eindrucksvoller, als es sich Pörtner je hätte vorstellen können: Neue Grabungen haben weitere Teile des Praetoriums aufgedeckt. Dazu hohe gewölbte Abwasserkanäle aus der Römerzeit, in denen man sich wie in unterirdischen Basiliken bewegt. Seltsam berühren die armdicken Risse, die durch das zyklopische Quaderwerk der Römer laufen. Sie stammen, das ist nun zweifelsfrei bewiesen, von einem Erdbeben, das Köln um 780 erschütterte. So stark war es, dass selbst die stärksten Wandstücke um etwa dreißig Zentimeter aus dem Lot wichen.

          Im Dämmer unten hallen die Schritte, oben tost unter einem Sommerhimmel das Leben. Während Sven Schütte an der Rathauslaube auf eine kürzlich freigelegte Gasse deutet, die aus noch ungeklärten Gründen schräg zum Rechteckraster der römischen Straßen läuft - Kölns schnurgerade Einkaufsmeile, die Hohe Straße, folgt exakt ihrem antiken Vorgänger -, jauchzt neben ihm eine Hochzeitsgesellschaft. Braut und Bräutigam lehnen sich eine Handbreit von den Grabungssperren an die Säulen der Laube.

          Vor ihnen lässt ein DJ Hits der Achtziger dröhnen. Auf die Erdhaufen der Ausgrabung fällt Konfetti, man reicht Häppchen, auch den Archäologen. Die Gäste fotografieren das Paar und den Aushub, hinter ihnen wartet schon die nächste Feiergruppe. Man hat sich, wie in Verona oder Rom, gut arrangiert mit der Dauergrabung.

          Einige Schritt weiter, im großen Zelt über dem Zentrum der Erdarbeiten, herrscht konzentriertes Schweigen. Befunde werden ausgewertet, Mauern kartografiert. Aus dem Labyrinth der Fundamente ragt das Postament der Bimah, der Vorlesekanzel, die ehemals wie ein Haus im Haus die Mitte des Synagogensaals beherrscht haben muss. Ein Abschnitt des schwarz-weiß gefliesten Fußbodens ist rekonstruiert, kostbar, verletzlich wirkend in der schartigen Umgebung.

          In Magazinen lagern die Reste der Bimah - Bruchstücke schlanker Rundpfeiler aus dunklem Aachener Blaustein, florale Kapitelle und geborstene Kreuzblumen, deren elfenbeinfarbener Kalkstein reizvoll vom Blaustein-Dunkel absticht. Höhepunkte sind die winzigen Köpfe und Körper von Vögeln und Kleingetier, das durch Weinlaub wuselt, alles so fein gemeißelt wie für Kathedralen oder Paläste.

          Die Kanzel wurde beim Pogrom von 1349 zerschlagen

          Stilvergleiche ergaben, dass die Bimah, die beim Pogrom 1349 zerschlagen wurde, um 1280 von Bildhauern der Kölner Dombauhütte angefertigt worden ist. Der Archäologe Ertan Özcan hat sie aus den eingescannten Fragmenten virtuell rekonstruiert. Man erkennt ein rechteckiges Gebilde, gesäumt von den dunklen Rundpfeilern, deren Abstände Zackenbögen überspannen, bekrönt von einem gewellten Zinnenkranz, auf dem Kreuzblumen sitzen. Man glaubt einen gotisierten antiken Tempel zu sehen, kostbar und in den Motiven so rätselhaft wie die Heiliggrabkapellen im Innern der gotischen Kathedralen.

          Kleinodien und Rätsel wie diese haben die Archäologen in Hülle und Fülle geborgen. Zum Beispiel jenen byzantinischen Ohrring, der mit hebräischen Schrifttäfelchen in einer Kloake gefunden wurde. Er ist aus Gold, üppig besetzt mit Edelsteinen, Perlen und einer antiken Gemme und hat die Form einer Lunula, eines Dreiviertelmonds.

          Weltweit gibt es nur drei Vergleichsstücke. Wie geriet dieser um 1100, wenn nicht sogar hundert Jahre früher entstandene Schmuck, den Lothar Lambacher vom Kunstgewerbemuseum Berlin als „Jahrhundertfund von wahrscheinlich kaiserlicher Herkunft“ bezeichnet, hierher? Sven Schütte vermutet Zusammenhänge mit einem Pogrom, das 1096 über Kölns Juden hereinbrach.

          Ein Nichts gegen den Glanz des byzantinischen Juwels, aber als Kulturzeugnisse womöglich wertvoller, sind Dutzende mittelalterlicher Schiefertafeln. Auf ihnen kamen hebräische Schriftzeichen zum Vorschein, Schreibübungen und Gebete von Thoraschülern. Auf einigen, Rätsel der Rätsel, entzifferte man jiddische Zeilen eines bisher unbekannten, unzüchtigen Minne-Romans; sie werden die Altphilologen noch lange beschäftigen.

          Hebräische Inschriften und römische Theatermasken

          Drei Münzschätze, zahllose Kisten voller Keramik und den Überresten anderer Haushaltsgegenstände, dazu die Fragmente römischer Theatermasken und Fresken, antiken Buntmarmors und römischer wie hebräischer Inschriften - all das wartet darauf, im hallenartigen Untergeschoss des Rathaustrakts am Alten Markt, in der Archäologischen Zone und im künftigen Jüdischen Museum am Rathausplatz ausgestellt zu werden. Dessen Entwurf stammt vom Team Wandel, Höfer, Lorch + Hirsch. Es gehört mit seinen neuen Synagogen in Dresden und München, in deren Gestalt altbiblische Archetypen mit zeitgenössischer Abstraktion verschmelzen, zu den angesehensten Büros in Deutschland.

          Die Zustimmung war zunächst einhellig, als 2005 der Bau beschlossen wurde und das Quartett 2008 im Museumswettbewerb siegte. Auch, weil der Neubau mehr als siebzig Jahre nach Kriegsende endlich eine entstellende Wunde im Altstadtkern schließen würde:

          Keiner Phase des Wiederaufbaus war es gelungen, den zertrümmerten Rathausplatz wieder zu fassen. Er blieb ein zerfleddertes Niemandsland, ein Hinterhof, in dessen Gesichtslosigkeit der gotische Rathausturm, die Renaissancelaube und der Haupttrakt, den Karl Band 1962 einfühlsam als Synthese aus Moderne und Gotikzitaten errichtete, ihre Schönheit verschwenden.

          Der Museumsneubau wird dem Verlauf des jüdischen und des Goldschmiedeviertels folgen und damit dem Platz seine historische Kontur zurückgeben. In der Schaufront, gefügt aus dem für Köln typischen Kalkstein, soll sich zur gähnend öden Unfassade des angrenzenden Wallraf Richartz Museums und zum Rathaus eine gläserne Schatulle öffnen, die den Blick auf die rekonstruierte Bimah freigibt.

          Die Ausstrahlung des schimmernden, von feinem Fugenwerk strukturierten Kalksteins werden zwei Wandfelder erhöhen, die aus historischen Steinen der Grabung gefügt sind; ein Blickfang und Menetekel, das nicht Unheil, sondern Aussöhnung verkündet. Köln kann stolz sein: Nach Peter Zumthors gefeiertem Diözesanmuseum wäre mit diesem einfühlsamen und ausdrucksstarkem Neubau die Heilung des Stadtkerns vollendet.

          Ein neues Museum oder eine U-Bahn-Station?

          Baubeginn hätte der Herbst dieses Jahres sein sollen. Hätte. Denn nach ersten Bedenken kurz nach Abschluss des Wettbewerbs mehrten sich in jüngster Zeit die Einwände rasant: Die verschuldete Stadt, so hieß es, könne sich die Zone und den Bau nicht leisten. Den Hinweisen Sven Schüttes, dass das Museum mit insgesamt 51,7 Millionen Euro (von denen Köln 39 Millionen und den Rest das Land Nordrhein Westfalen trüge) etwa so teuer würde wie eine neue U-Bahn-Station, antworteten seitens der Politik mehrfach Andeutungen, das Areal besser unter Sand zu begraben und der Zukunft zu überlassen.

          Seit Mittwoch der vergangenen Woche scheint das sogar amtlich. Oberbürgermeister Jürgen Roters erklärte im „Kölner Stadtanzeiger“, zum „knallharten Sparkurs“ der Stadt zähle auch die Archäologische Zone: „Die Betriebskosten muss der Landschaftsverband Rheinland ganz oder zumindest zum großen Teil übernehmen. Sonst müssen wir das Projekt auf spätere Generationen verschieben.“

          Zur selben Zeit, als Roters diese Erklärung abgab, ging unsereins staunend durch die Ausgrabungen - und arbeitete man in Worms, Speyer, Mainz, Regensburg, Erfurt, Köln und weiteren Städten an einem Gruppenantrag, um als „Frühe Stätten der jüdischen Kultur in Deutschland“ auf die Welterbeliste der Unesco zu gelangen; der Ernst des chaotischen Ganzen verbietet das Wort vom Schildbürgerstreich.

          „Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?“ Was wir Primo Levi oder John F. Kennedy zuschreiben, geht zurück auf einen im Talmud verzeichneten Ausspruch des Rabbi Hillel. Der Gelehrte lebte etwa dreißig Jahre vor Christi Geburt, zu einer Zeit also, in der das römische Köln kurz vor seiner Erhebung zur Stadt stand. Dessen heutigen Stadträte leben auf dieser Vergangenheit, aber offenkundig nicht mit ihr.

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