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Archäologie in Köln : Wann, wenn nicht jetzt, wer, wenn nicht ihr?

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Die Zustimmung war zunächst einhellig, als 2005 der Bau beschlossen wurde und das Quartett 2008 im Museumswettbewerb siegte. Auch, weil der Neubau mehr als siebzig Jahre nach Kriegsende endlich eine entstellende Wunde im Altstadtkern schließen würde:

Keiner Phase des Wiederaufbaus war es gelungen, den zertrümmerten Rathausplatz wieder zu fassen. Er blieb ein zerfleddertes Niemandsland, ein Hinterhof, in dessen Gesichtslosigkeit der gotische Rathausturm, die Renaissancelaube und der Haupttrakt, den Karl Band 1962 einfühlsam als Synthese aus Moderne und Gotikzitaten errichtete, ihre Schönheit verschwenden.

Der Museumsneubau wird dem Verlauf des jüdischen und des Goldschmiedeviertels folgen und damit dem Platz seine historische Kontur zurückgeben. In der Schaufront, gefügt aus dem für Köln typischen Kalkstein, soll sich zur gähnend öden Unfassade des angrenzenden Wallraf Richartz Museums und zum Rathaus eine gläserne Schatulle öffnen, die den Blick auf die rekonstruierte Bimah freigibt.

Die Ausstrahlung des schimmernden, von feinem Fugenwerk strukturierten Kalksteins werden zwei Wandfelder erhöhen, die aus historischen Steinen der Grabung gefügt sind; ein Blickfang und Menetekel, das nicht Unheil, sondern Aussöhnung verkündet. Köln kann stolz sein: Nach Peter Zumthors gefeiertem Diözesanmuseum wäre mit diesem einfühlsamen und ausdrucksstarkem Neubau die Heilung des Stadtkerns vollendet.

Ein neues Museum oder eine U-Bahn-Station?

Baubeginn hätte der Herbst dieses Jahres sein sollen. Hätte. Denn nach ersten Bedenken kurz nach Abschluss des Wettbewerbs mehrten sich in jüngster Zeit die Einwände rasant: Die verschuldete Stadt, so hieß es, könne sich die Zone und den Bau nicht leisten. Den Hinweisen Sven Schüttes, dass das Museum mit insgesamt 51,7 Millionen Euro (von denen Köln 39 Millionen und den Rest das Land Nordrhein Westfalen trüge) etwa so teuer würde wie eine neue U-Bahn-Station, antworteten seitens der Politik mehrfach Andeutungen, das Areal besser unter Sand zu begraben und der Zukunft zu überlassen.

Seit Mittwoch der vergangenen Woche scheint das sogar amtlich. Oberbürgermeister Jürgen Roters erklärte im „Kölner Stadtanzeiger“, zum „knallharten Sparkurs“ der Stadt zähle auch die Archäologische Zone: „Die Betriebskosten muss der Landschaftsverband Rheinland ganz oder zumindest zum großen Teil übernehmen. Sonst müssen wir das Projekt auf spätere Generationen verschieben.“

Zur selben Zeit, als Roters diese Erklärung abgab, ging unsereins staunend durch die Ausgrabungen - und arbeitete man in Worms, Speyer, Mainz, Regensburg, Erfurt, Köln und weiteren Städten an einem Gruppenantrag, um als „Frühe Stätten der jüdischen Kultur in Deutschland“ auf die Welterbeliste der Unesco zu gelangen; der Ernst des chaotischen Ganzen verbietet das Wort vom Schildbürgerstreich.

„Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?“ Was wir Primo Levi oder John F. Kennedy zuschreiben, geht zurück auf einen im Talmud verzeichneten Ausspruch des Rabbi Hillel. Der Gelehrte lebte etwa dreißig Jahre vor Christi Geburt, zu einer Zeit also, in der das römische Köln kurz vor seiner Erhebung zur Stadt stand. Dessen heutigen Stadträte leben auf dieser Vergangenheit, aber offenkundig nicht mit ihr.

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