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Archäologie in Köln : Wann, wenn nicht jetzt, wer, wenn nicht ihr?

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Im Dämmer unten hallen die Schritte, oben tost unter einem Sommerhimmel das Leben. Während Sven Schütte an der Rathauslaube auf eine kürzlich freigelegte Gasse deutet, die aus noch ungeklärten Gründen schräg zum Rechteckraster der römischen Straßen läuft - Kölns schnurgerade Einkaufsmeile, die Hohe Straße, folgt exakt ihrem antiken Vorgänger -, jauchzt neben ihm eine Hochzeitsgesellschaft. Braut und Bräutigam lehnen sich eine Handbreit von den Grabungssperren an die Säulen der Laube.

Vor ihnen lässt ein DJ Hits der Achtziger dröhnen. Auf die Erdhaufen der Ausgrabung fällt Konfetti, man reicht Häppchen, auch den Archäologen. Die Gäste fotografieren das Paar und den Aushub, hinter ihnen wartet schon die nächste Feiergruppe. Man hat sich, wie in Verona oder Rom, gut arrangiert mit der Dauergrabung.

Einige Schritt weiter, im großen Zelt über dem Zentrum der Erdarbeiten, herrscht konzentriertes Schweigen. Befunde werden ausgewertet, Mauern kartografiert. Aus dem Labyrinth der Fundamente ragt das Postament der Bimah, der Vorlesekanzel, die ehemals wie ein Haus im Haus die Mitte des Synagogensaals beherrscht haben muss. Ein Abschnitt des schwarz-weiß gefliesten Fußbodens ist rekonstruiert, kostbar, verletzlich wirkend in der schartigen Umgebung.

In Magazinen lagern die Reste der Bimah - Bruchstücke schlanker Rundpfeiler aus dunklem Aachener Blaustein, florale Kapitelle und geborstene Kreuzblumen, deren elfenbeinfarbener Kalkstein reizvoll vom Blaustein-Dunkel absticht. Höhepunkte sind die winzigen Köpfe und Körper von Vögeln und Kleingetier, das durch Weinlaub wuselt, alles so fein gemeißelt wie für Kathedralen oder Paläste.

Die Kanzel wurde beim Pogrom von 1349 zerschlagen

Stilvergleiche ergaben, dass die Bimah, die beim Pogrom 1349 zerschlagen wurde, um 1280 von Bildhauern der Kölner Dombauhütte angefertigt worden ist. Der Archäologe Ertan Özcan hat sie aus den eingescannten Fragmenten virtuell rekonstruiert. Man erkennt ein rechteckiges Gebilde, gesäumt von den dunklen Rundpfeilern, deren Abstände Zackenbögen überspannen, bekrönt von einem gewellten Zinnenkranz, auf dem Kreuzblumen sitzen. Man glaubt einen gotisierten antiken Tempel zu sehen, kostbar und in den Motiven so rätselhaft wie die Heiliggrabkapellen im Innern der gotischen Kathedralen.

Kleinodien und Rätsel wie diese haben die Archäologen in Hülle und Fülle geborgen. Zum Beispiel jenen byzantinischen Ohrring, der mit hebräischen Schrifttäfelchen in einer Kloake gefunden wurde. Er ist aus Gold, üppig besetzt mit Edelsteinen, Perlen und einer antiken Gemme und hat die Form einer Lunula, eines Dreiviertelmonds.

Weltweit gibt es nur drei Vergleichsstücke. Wie geriet dieser um 1100, wenn nicht sogar hundert Jahre früher entstandene Schmuck, den Lothar Lambacher vom Kunstgewerbemuseum Berlin als „Jahrhundertfund von wahrscheinlich kaiserlicher Herkunft“ bezeichnet, hierher? Sven Schütte vermutet Zusammenhänge mit einem Pogrom, das 1096 über Kölns Juden hereinbrach.

Ein Nichts gegen den Glanz des byzantinischen Juwels, aber als Kulturzeugnisse womöglich wertvoller, sind Dutzende mittelalterlicher Schiefertafeln. Auf ihnen kamen hebräische Schriftzeichen zum Vorschein, Schreibübungen und Gebete von Thoraschülern. Auf einigen, Rätsel der Rätsel, entzifferte man jiddische Zeilen eines bisher unbekannten, unzüchtigen Minne-Romans; sie werden die Altphilologen noch lange beschäftigen.

Hebräische Inschriften und römische Theatermasken

Drei Münzschätze, zahllose Kisten voller Keramik und den Überresten anderer Haushaltsgegenstände, dazu die Fragmente römischer Theatermasken und Fresken, antiken Buntmarmors und römischer wie hebräischer Inschriften - all das wartet darauf, im hallenartigen Untergeschoss des Rathaustrakts am Alten Markt, in der Archäologischen Zone und im künftigen Jüdischen Museum am Rathausplatz ausgestellt zu werden. Dessen Entwurf stammt vom Team Wandel, Höfer, Lorch + Hirsch. Es gehört mit seinen neuen Synagogen in Dresden und München, in deren Gestalt altbiblische Archetypen mit zeitgenössischer Abstraktion verschmelzen, zu den angesehensten Büros in Deutschland.

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