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Mittelalterliche Kunst per App : Meister Mateo blickt in die Seelen

Nun lächelt er in alter Pracht: Die restaurierte Steinfigur des Propheten Daniel in Santiago de Compostela. Bild: Fundación Barrié/Fundación Catedral

Eine App für die Ewigkeit in staunenswerter Präzision: Der Portikus der Kathedrale von Santiago de Compostela ist jetzt im Netz zu besichtigen.

          3 Min.

          Zwischen 2006 und 2018 fand am „Portikus der Herrlichkeit“ des Meisters Mateo in der Kathedrale von Santiago de Compostela, geschaffen am Ende des zwölften Jahrhunderts, die erste Restaurierung in der Geschichte dieses emblematischen Kunstwerks statt. Initiator war die galicische Fundación Barrié, die zusammen mit dem Erzbistum einen Sanierungsplan entwarf und die Finanzierung von mehr als sechs Millionen Euro sicherstellte. Wasserschäden hatten das Meisterwerk des Bildhauers, das zusammen mit der Altstadt Santiagos zum Unesco-Kulturerbe der Menschheit gehört, in Mitleidenschaft gezogen, und die galicische Feuchtigkeit fraß sich immer tiefer in die Substanz des Steins.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Allein die ersten vier Jahre war man damit beschäftigt, mit Sensoren das Mikroklima der Räume zu erfassen, von der Temperatur über die relative Luftfeuchtigkeit bis zur Windgeschwindigkeit. Dann folgte die Restaurierung selbst. In dieser Zeit waren Teile des großen Skulpturenwerks nur für Kleingruppen von Kunstinteressierten zugänglich. Nach Voranmeldung stiegen sie mit Bauhelm auf ein Gerüst und durften die verdunkelte, doch immer noch atemnehmende Psychologie in den Gesichtern der Figuren zehn Minuten lang aus der Nähe betrachten.

          Aus knapp einem Meter Abstand sah man die Spuren der Laseruntersuchungen, die Engel, Apostel und Propheten über sich hatten ergehen lassen. Viele der Köpfe hatten vom Staub und Schmier der Zeit die Farbe dunkler Erde angenommen, und die Polychromie war nur noch in einzelnen Flecken zu erkennen. Trotzdem bewahrten die Skulpturen eine eigentümliche Expressivität, zumindest die so oft romantisierte Schönheit des Verfalls. Die Profis des konservatorischen Gewerbes sehen es nüchterner. „Ich werde oft gefragt“, erzählte uns eine Chefrestauratorin 2016, „was ich hier oben empfinde. Und ich sage: wenig. Es ist eine wissenschaftliche Aufgabe, keine Glaubensangelegenheit.“

          Zweihundert Quadratmeter Kunst in einer App

          Nachdem die Arbeiten 2018 abgeschlossen waren, nahm die Fundación Barrié das nächste Ziel in Angriff: Sie schuf eine App, mit der die etwa zweihundert Quadratmeter des ganzen „Portikus der Herrlichkeit“ im Detail studiert werden können. Kürzlich wurde sie – zu finden unter „Pórtico de la Gloria“ – vorgestellt. Nutzer können sich jetzt über die Geschichte der Restaurierung informieren, den Portikus mit einem Wischen des Fingers heranzoomen und Einzelheiten entdecken, die auch dem Betrachter am Ort entgehen.

          Jedes mittelalterliche Musikinstrument in den Händen der vierundzwanzig Ältesten aus der Johannes-Offenbarung wird herangeholt, benannt und dreidimsional vorgestellt – Violen, Fiedeln, Harfe und Psalter. Die App, die Daten aus vierzehn Stunden ununterbrochener Präzisionsfotografie und insgesamt 2700 Aufnahmen verarbeitet, ermöglicht eine erste Bekanntschaft mit den unterschiedlichen Figurengruppen des Werks: den Ältesten oberhalb der thronenden Christusfigur, den Evangelisten, Aposteln und den Propheten Moses, Jesaja, Daniel und Jeremias.

          Besonders eindringlich ist der Vorher-nachher-Vergleich, den die App bei einzelnen Figuren erlaubt. Der Prophet Daniel etwa war wegen seines berührenden, leicht rätselhaften Lächelns schon immer eine der beliebtesten Gestalten des ganzen Portikus. Forscher haben gar vom „ersten Lächeln der Kunstgeschichte“ gesprochen. Nach dem Prinzip der präventiven Konservierung, die unbedingten Respekt vor früheren Stadien der Übermalung und sonstiger Intervention durch vorangegangene Jahrhunderte vorsieht, durfte nur eine behutsame Reinigung, danach die Freilegung der vorhandenen Polychromie vorgenommen werden.

          Superzoom schafft Vorkenntnisse

          Wundersamerweise ging aus einer ohnehin schon ausdrucksstarken Figur ein viel komplexeres Wesen hervor, jetzt mit heller Haut und rosigen Wangen, fein geschwungenen Lippen und einem warmen Blick, der die Menschenkenntnis des Meisters Mateo vor mehr als achthundert Jahren noch einmal erstaunlicher wirken lässt.

          Ja, die Augen sind jetzt beseelt und verraten ein fühlendes Wesen; dafür tritt durch Kontrast die fehlende Farbschicht an Nase und Kinn stärker hervor. Zoomt man ganz nahe heran, erkennt man auf Bruchteile von Millimetern genau, wie bei einer geborstenen Eierschale, den Übergang zwischen der Farbe und dem darunterliegenden Stein: Jede Perfektionierung erinnert an die Teile, die für immer verloren sind.

          Man könnte argumentieren, wir hätten in Pandemie-Zeiten sicherlich genug von digitalen Angeboten, das Internet sei dem physischen Erleben feindlich, und nun ginge durch den allgegenwärtigen Bildschirm auch noch in der Kunst jede Sinnlichkeit flöten. Aber im Fall des Portikus der Herrlichkeit kann die durch den Superzoom geschaffene Vorkenntnis die ästhetische Würdigung dieses singulären Kunstwerks nur erhöhen, und wer mehr darüber weiß, wird es – später einmal, wenn Reisewarnungen der Vergangenheit angehören – besser genießen können. Der Meister Mateo hat seine Skulpturen so geschaffen, dass sie von unten und aus einer gewissen Entfernung gesehen werden. Sie von nahem zu betrachten und sich in die Züge dieser Gesichter zu versenken, wie vor einem Ölbild im Museum, ist ein Privileg, welches das Vergnügen eines wirklichen Besuchs in Santiago nur erhöhen kann.

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