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„Kultur der Affen“ in Berlin : Was sehen wir in unseren nächsten Artverwandten?

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt gibt seinem Namen eine überraschende Erweiterung. Mit der Ausstellung „Kultur der Affen“ stellt sich die Frage: Muss Kultur menschlich sein?

          3 Min.

          Was sehen wir, wenn wir dem Affen in die Augen blicken? Unsere Vergangenheit? Unsere Zukunft? Bloß ein kulturelles Konstrukt? Oder ein Wesen, das vielleicht auch uns anblickt und sich seinen Reim darauf macht? In dem Video „Untitled (Human Mask)“ des französischen Künstlers Pierre Huyghe schauen wir für ein paar Sekunden durch die Sehschlitze einer menschlichen Maske direkt auf sich dahinter rasch bewegende dunkle Pupillen, ein rätselhaftes fremdes, etwas unheimliches Ich. Der Künstler hatte einem Affen, den ein Restaurant in Tokio als Kellner eingesetzt hatte, die Maske und die Perücke einer jungen Frau übergestülpt und das Tier dann durch ein verlassenes Lokal in der vom Tsunami verwüsteten und von nuklearen Strahlen verseuchten Gegend bei Fukushima tollen lassen, wo er es mit einer Drohnenkamera filmte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          So sieht man in den grünlich-fahl ausgeleuchteten Kulissen einer noch mit tausend Utensilien und auch ein paar alten Kunstwerken vollgestellten nachmenschlichen Welt bloß noch ein Tier, das sich als Mensch verkleidet hat. Nachdem der Mensch seine Kultur selbst zerstört hat, bleibt nur noch die bloße Kreatur übrig, die mit den menschlichen Erkennungszeichen und Hinterlassenschaften spielt. Als wäre sie eine Ironikerin, wie wir aus unserem anachronistisch menschlichen Blickwinkel sagen würden.

          Kunst und Kunst-Kunst

          Dieses bezwingende Kunstwerk allein würde genügen, um die Perspektive der Ausstellung „Kultur der Affen“ zu verdeutlichen, mit der das Berliner Haus der Kulturen der Welt jetzt seinem Namen eine erst mal überraschende Erweiterung gibt. Es geht darum, wie die Beschäftigung mit Affen die Kultur der Menschen wechselweise irritiert, verführt, legitimiert und jedenfalls herausfordert.

          Die Schau besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen, der einen Abriss der wissenschaftlichen und kulturellen Bearbeitung des Affen von der Aufklärung bis heute gibt, und einem künstlerischen, der eine Reihe zeitgenössischer Videos, Bilder und Skulpturen versammelt, die das Affenthema direkt oder lose assoziativ umspielen. Wie die beiden Teile miteinander zusammenhängen, ist nicht von vornherein klar. Die durch einen leeren Zwischenraum betonte Trennung kehrt hervor, dass die Kulturgeschichte da jedenfalls keine Erklärung der Kunst liefern soll. Eher erscheint sie als menschliche Schöpfung und Fiktion im Affen-Kontext ihrerseits als eine Art Kunst, die der Kunst-Kunst eine Spannung jenseits der Markierungen des Kunstsystems verschafft.

          Das Spiel mit der menschlichen Einzigartigkeit

          Ein Kronzeuge der von den Kuratoren Anselm Franke und Hila Peleg klug komprimierten, weitgehend jargonfreien Texte auf den Stellwänden ist das noch nicht auf Deutsch veröffentlichte Buch „Primate Visions“ von Donna Haraway, das 1989 die Primatenforschung für die Kulturwissenschaften erschloss. Der Affe erscheint da als Projektionsfläche der wechselnden kulturellen Muster, mit denen der Mensch sich selbst versteht, von mechanistischen Vorstellungen oder der Bestätigung der Hobbesschen Theorie eines Naturzustands, in dem jeder dem anderen ein Wolf ist, bis hin zu Erkundungen der Empathie als grundlegenden sozialen Vermögens. In einer der zitierten Schlüsselstellen Haraways heißt es: „Bei den meisten Primaten geht die Sozialität der Individualität voraus. Die spätkapitalistische Wirtschaftstheorie musste all ihre Ressourcen aufbieten, damit das autonome, kompetitive Individuum das Gesichtsfeld des Primatenforschers ausfüllt.“

          Ein Abbild dieses Historisierungsvorgangs bietet in der Kunstabteilung der Berliner Künstler Klaus Weber; er stellt bei Ebay erworbene Kopien einer kleinen Plastik von 1893 zusammen, bei der ein Affe in Faust-Pose sinnend auf einen Schädel schaut. Dieses den Darwinismus parodierende Spiel mit der menschlichen Einzigartigkeit hat selbst seine Geschichte: Lenin soll auch ein Exemplar davon auf seinem Schreibtisch gehabt haben.

          In Nagisa Oshimas Spielfilm „Max, mon amour“ von 1986 stellt ein Schimpanse die menschliche Zivilisation in Gestalt der europäischen Toleranzgesellschaft auf eine ebenso unvorhergesehene wie harte Probe: Er tritt dort nämlich als Liebhaber einer britischen Diplomatengattin auf. Der künstlerische Teil erreicht nicht ganz die Konzentration des theoretischen, doch als Ganzes macht diese Ausstellung die Affenperspektive verblüffend stark und anregend. Leider sind die großen Augen, die uns aus zwei dunklen Affenporträts von Rosemarie Trockel anschauen, nicht besonders freundlich.

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