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Antisemitismus in der Kunst : Einer blieb sauber

Antisemitische Stereotype überwiegen in der Malerei des Mittelalters. Der Meister von Mondsee ist die Ausnahme von der Regel.

          5 Min.

          Anlässlich eines Gerichtsprozesses zum Steinrelief einer sogenannten „Judensau“ im Mittelalter vor einigen Wochen war wieder viel die Rede vom antisemitischen Mittelalter. Ein solches Schandbild findet sich nicht nur in Luthers Wittenberg – auch am Südportal des Doms zu Regensburg und vielen anderen Kirchen ist es noch heute – teils unkommentiert – zu sehen. Auf vielen Passionsbildern des fünfzehnten Jahrhunderts werden die Christus verspottenden jüdischen Kinder nackt und schielend, die ihn Verhöhnenden mit Wunden und Geschlechtskrankheiten diffamiert, auf Kreuzigungsdarstellungen werden Juden als vorgebliche Christusmörder durch antisemitische Stereotype verunglimpft. An der Stelle der in mittelalterlichen Pogromen niedergebrannten Synagogen von Nürnberg, Würzburg oder Bamberg stehen seit dem vierzehnten Jahrhundert Marienkirchen. Das alles ist unstrittig und wird seit Jahrzehnten von Forschern wie Ruth Mellinkoff oder David Nirenberg aufgearbeitet.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Hauptwerk eines bayrischen Malers, dem – hoffentlich bald wieder in einer Ausstellung in Wiens Oberem Belvedereschloss zu sehenden – um 1497 entstandenen Kloster Mondseer Altar vom nach diesem Opus benannten „Meister von Mondsee“, über den biographisch fast nichts bekannt ist, zeigt sich aber auch eine judenfreundlichere Seite, zu der das Mittelalter ebenso fähig war.

          Einsamer Höhepunkt einer Mondseer Vorliebe

          Es handelt sich beim ehemaligen Mondseer Hochaltar aus dem ältesten und einem der wohlhabendsten Klöster Österreichs (im Mittelalter noch zu Bayern gehörend) um einen aufwendigen Flügelaltar der Spätgotik in der dortigen Marienkapelle, auf dem in geschlossenem Zustand alle vier Bildtafeln der sogenannten Schauseite „judenfreundliche“ Szenen zeigen: Dort steht das jüdische Mädchen Maria bei seinem „Tempelgang“ betend vor einem mosaischen Altar mit einer oben halbrund abschließenden Gesetzestafel, nicht vor einem christlichen Flügelaltar mit nur alibihalber eingemalten Propheten, wie in der Malerei seit den frühen Niederländern überwiegend der Fall. Der Stifter des Altarwerks von Mondsee, Abt Benedikt Eck von Vilsbiburg, kniet und betet ebenfalls an diesem jüdischen Altar, nur im Bedeutungsmaßstab gegenüber Maria stark verkleinert.

          Auf dem Bild sind keine Judenhüte oder gelben Kleidungsstücke zur plakativen Markierung zu sehen, keine fliehende Stirn oder die klischeehafte Hakennase zur physiognomischen Brandmarkung. Ähnliches gibt es nur noch in der Malerei Toledos oder Sevillas in Spaniens Toleranzzeit der Convivencia unter König Alfons dem Weisen. Damals gab es in diesen blühenden Handels- und Universitätsstädten zumindest ein friedvolles Nebeneinander der drei Religionen, das freilich auch von der wirtschaftlichen Prosperität nahezu aller Angehöriger dieser Religionsgemeinschaften getragen war. Selbst jüdische, nicht zwangsgetaufte Bischöfe sind belegt.

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