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Antike in Berlin : Humboldt hätte daran seine Freude gehabt

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Ein Rundbild erweckt in Berlin das antike Pergamon zu neuem Leben: Das Pergamonmuseum öffnet mit neuem Bestand einen atemberaubenden Blick auf die griechische Metropole.

          Wenn der erste überwältigende Eindruck sich gesetzt hat, das Auge fähig ist, Einzelheiten wahrzunehmen, sieht man ihn irgendwann in einer bemoosten Felsnische kauern: den „Dornauszieher“, jenen hellenistischen oder auch römisch-antiken Bronzeknaben, das Entzücken des neunzehnten Jahrhunderts, Kleists, Goethes, der Romantiker, so lange umschwärmt und vergöttert, dass unsere Tage ihn unter Kitschverdacht gestellt haben. In Yadegar Asisis Pergamonpanorama ist er, ein Augenzwinkern des Künstlers, ein lebender pergamenischer Ephebe, gebräunt, anmutig, edel gewandet wie die Hunderte Gestalten, die bei Asisi die Stadt, ihren Burgberg und ihre Monumente bevölkern.

          Delikate schimmernde Farben, üppige Draperien, gemessene Gesten, verträumte Blicke - man denkt an die elegischen historischen Monumentalleinwände Feuerbachs und Böcklins. Doch dem sentimentalen Historismus des neunzehnten Jahrhunderts ist hier die Technologie unserer Zeit beigesprungen: Umweht von musikalischen Antikenphantasien, durchläuft dieses Pergamon vierundzwanzig Stunden, von Sonnenaufgang, grellem Mittagslicht über Abenddämmerung bis zur samtigen Nacht gleiten Stimmungen sacht ineinander.

          Sonderbar, dass wir, die in 3D-Effekten und Computeranimationen schwelgen, zurückgreifen auf ein Hilfsmittel des neunzehnten Jahrhunderts. Panoramen in riesigen Rotunden waren die Sensation, Meister der Vergegenwärtigung aktueller oder historischer, berühmter Geschehnisse und Stätten, bis ihnen die Fotografie und der Film den Garaus machten. Und nun diese Wende: Eben noch suchte man händeringend nach neuen Nutzungen für die wenigen Rundlinge, die der Abrisswut der Moderne entgangen waren - und jetzt steht im Ehrenhof des Pergamonmuseums ein neuer (wenn auch provisorischer), vor dem sich ebenso lange Warteschlangen wie vor der Renaissance-Schau im nahen Bode-Museum bilden werden.

          „Ein Tag im Frühjahr 129 nach Christus“ nennt Asisi sein 360-Grad-Rundbild. Die Suggestion gelingt - anders als bei Bildschirmen oder Cinemax-Leinwänden kommt tatsächlich der Eindruck auf, man stünde in dreihundert Metern Höhe (realiter sind es immerhin fünfzehn) auf der Akropolis von Pergamon. Ringsum breitet sich aus, was wir sonst nur von Fotografien oder an Ort und Stelle als Fragmente wahrnehmen, als Ruinen, Fundamente, aus dem Zusammenhang gerissene Mosaike, Reliefs und Statuen.

          Hier vereinen sich tatsächlich Wissenschaft und Kunst

          Gewiss, im Pergamonmuseum ist die Teilrekonstruktion des weltberühmten Altars zu sehen, umgeben von den originalen Reliefs und einigen der schönsten Statuen des Burgbergs. Und im Nebensaal sind einige Partien des Athena-Heiligtums aufgerichtet, das schon die antiken Chronisten feierten. Doch nun, im Panorama, sieht man all dies als Teil einer hinreißenden, sorgfältig geplanten Residenzstadt - die den Burgberg krönenden Königshallen der Attaliden-Dynastie, den von Säulenportiken gerahmten, grazil und doch monumental wirkenden Tempel der Stadtpatronin Athena, den Dionysostempel und das waghalsig in die Steilwände gestemmte weitläufige Theater, die Gymnasien, Ober- und Unterstadt, verbunden durch elegant serpentierte Straßen, schließlich der alles in den Schatten stellende megalomane Altar mit seiner Terrasse und dem noch aus großer Ferne faszinierenden Körpergewimmel des „Kampfs der Götter und Giganten“.

          Zum Teufel mit den mäkelnden Vorbehalten von Kitsch, Illusionismus und Verklärung, die die Panoramen unserer Vorfahren betrieben hätten: Alexander von Humboldt, der sie als das beste Mittel lobte, Wissenschaft und Kunst zu vereinen, hatte recht, zumal, da wir mit computergeschulten, also aufgeklärten Blicken auf diesen Abglanz des einstigen Pergamon schauen. Und ganz anders sieht man nun auch die Sonderausstellung, in der zum ersten Mal seit hundertdreißig Jahren (dem Beginn der deutschen Ausgrabung der Stätte) der Gesamtbestand, der sich in Berlin angesammelt hat, neu bearbeitet und restauriert gezeigt wird.

          Polemik erschwert die Kooperation

          Der Auftakt, eine Installation, die mit gestapelten Holzkisten und Fragmenten die fortdauernde Grabungstätigkeit veranschaulicht, ist auch ein diskreter, aber unmissverständlicher Kommentar zum aktuellen Stand der deutsch-türkischen Kulturkooperation: Von Beginn an arbeitete man in Pergamon, dem heutigen Bergama, vorzüglich zusammen, vereinbarte Fundteilung. Die jüngsten Polemiken aus Ankara, deutsche Archäologen führten ihre Grabungen in der Türkei nachlässig durch, seien auf Sensationsfunde aus und ansonsten gerne untätig, scheinen nun auch das Pergamon-Projekt zu belasten: Empfangen wird der Besucher von den Gipsabgüssen eines Hermaphroditen und eines Zeus Ammon, lebensgroßen Statuen, die 1879 nach Berlin gelangten, 1885 im Tausch für neu entdeckte Altarreliefs an Instanbul gegeben wurden und nun, trotz Leihanfragen aus Berlin, im dortigen Nationalmuseum (nebst anderen verweigerten Stücken) bleiben mussten. Noch, so hoffen Generaldirektor Michael Eissenhauer und Andreas Scholl, der Direktor der Antikensammlung, ist das letzte Wort nicht gesprochen, zumal die kapitolinischen Museen in Rom zugesagt haben, Anfang kommenden Jahres den „Sterbenden Gallier“, das neben den Altarreliefs wohl berühmteste Kunstwerk Pergamons, auszuleihen.

          Die ergreifende Statue war zur glorreichen Erinnerung an die Siege Attalos I. geschaffen worden. Doch von Triumph ist wenig zu spüren in diesem Kunstwerk, das gleichsam mitfühlend und ehrerbietig die letzten Minuten eines verzweifelt sterbenden Kriegers vor Augen führt. Was der Gallier erst in einigen Monaten Berlin zeigen wird, präsentieren jetzt schon die sogenannten „Kleinen Gallier“, römische Marmorkopien eines ehemals fünfzig Personen umfassenden, nach 159 n.Chr. entstandenen Weihegeschenks des pergamenischen Königs Attalos II. Ob ein gefallener Gigant, eine tote Amazone oder ein sterbender Perser - allen ist, obwohl sie als „Barbaren“ galten, Menschenwürde gewahrt.

          Auch zum Entzücken des Kaisers

          Die Attaliden, „kleine“ Sieger der Diadochenkämpfe um das Erbe und die Länder Alexanders des Großen, mühten sich als Emporkömmlinge, ihre Residenz zur glänzendsten der Alten Welt auszubauen. Alexandria, mit dem sie wetteiferten, übertrafen sie wohl nicht, doch in Kleinasien gab es keine Stadt ihresgleichen. Vielleicht runzelt man noch die Brauen, wenn es im Schausaal „Berg der Götter“ heißt, die Attaliden hätten „die erste Kunstsammlung der Welt“ geschaffen. Doch wenn einem die überlebensgroße „Athena mit der Kreuzbandägis“, dem mytischen Ziegenfellumhang mit dem Gorgonenhaupt gegenübersteht, deren Körper und Gewand von atemberaubender gelassener Anmut sind, wenn noch der marmorne Kolossalkopf eines Herakles, des mythischen Stammvaters der Dynastie, keine auftrumpfende Gladiatorenmiene zeigt, sondern die gedankenschweren, leicht resignierten Züge eines erfahrenen Mannes, oder wenn der sogenannte „Schöne Kopf“, der seinerzeit Wilhelm II. so sehr verzückte, dass er ihm einen Körper nachmeisseln lassen wollte, wenn zusätzlich darüber informiert wird, dass im Athena-Heiligtum die neben Alexandria größte Bibliothek der Alten Welt existierte, und wenn einem dann die so kitschigen wie millionenteuren Monstrositäten in den Sinn kommen, mit denen sich die Diktatoren und Potentaten unserer Tage umgeben, ist man überzeugt: Pergamon war zu Recht ein Staunen der Alten Welt und wird eines unserer Tage bleiben.

          Vieles sieht man hier zum ersten Mal

          Nicht, dass man in dieser Metropole immer nur so verhalten griechisch-humanistisch gelebt hätte, wie es die bisher erwähnten Skulpturen nahelegen. Man huldigte auch ekstatischen Göttern und dürfte sehr wohl am eigenen Leib die Begierden, Lüste und Brutalitäten gekannt haben, die im Pergamonfries an die Giganten delegiert sind, denen die olympischen Götter den Tod bringen. So wie bei der gnadenlos wütenden Athena des Frieses oder der wutentbrannten Eos, die einem Gegner eine Fackel ins Auge stößt, durchaus auch Schattenseiten der göttlichen und damit auch menschlichen Natur ins Bild treten, vertreten Skulpturen der Kybele, der mit einem Tempel beehrten „Megale Meter“ Pergamons, und ihres jugendlichen Geliebten Attis die wilde Seite des Lebens, Rausch, Begierde, die im ruhigen Fluss der Gewänder und dem Ebenmaß der Posen dennoch beherrscht scheinen.

          Es gibt so viel zu entdecken: Kleinfunde, Terrakotten und Statuetten, die zum ersten Mal gezeigt werden, Bruchstücke von Zierfriesen, auf denen noch die Farben leuchten, Torsi blendend schöner Körper, die man bisher übersehen hat oder die nun erst aus dem Magazin zurückgekehrt sind. Das Schönste aber sind die Stücke, in denen der Grundzug der pergamenischen Kunst auf der Nadelspitze zu tanzen scheint. Etwa der marmorne Porträtkopf, erstes Drittel des zweiten Jahrhunderts vor Christi, der vermutlich Attalos I. darstellt. Fast parvenühaft Bildnissen Alexanders des Großen nachgebildet, lässt er doch Zweifel erkennen, skeptische und nicht blinde Energie. Kunstwerke wie diese haben Peter Weiss die Ideen zu seiner „Ästhetik des Widerstands“ gegeben.

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