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Anselm Kiefer im Grand Palais : Die planetarischen Ruinen von Paris

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Biennale, documenta, Münster? Es ist Zeit, an andere Orte zu denken: In Paris hat Anselm Kiefers melancholisches Welttheater für einige Wochen großen, triumphalen Einzug gehalten. Werner Spies aus dem Grand Palais.

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          Biennale, documenta, Münster - verweht. Es ist Zeit, an andere Orte zu denken. Paris kann zwar mit keiner documenta aufwarten, aber es landet mit einer Veranstaltung, die sich leicht mokant „Monumenta“ tituliert, einen kapitalen Blattschuss. Im Grand Palais an den Champs-Élysées, dem wunderbar restaurierten, durchlichteten Palast aus Gusseisen und Glas, hat Anselm Kiefer für einige Wochen großen, triumphalen Einzug gehalten. Und es geht um einen Einzug. Nennt der Künstler nicht eine der riesigen Ikonostasen, in denen er auf dreißig rostig-braunen Tafeln mit Baumfarnen spielt, „Palmsonntag“? Kiefer zählt seit einigen Jahren zu den Lieblingen Frankreichs, ja er ist, wenn man den abgestandenen, ehemals so aussagekräftigen Terminus „École de Paris“ beleben möchte, letztlich der bedeutendste und erfolgreichste Künstler, der sich hierzulande betätigt.

          Am 25. Oktober wird der Maler in der ägyptischen Abteilung des Louvre ein Wandgemälde enthüllen. Er ist der Erste, der fünfzig Jahre nach Braque vom Museum einen Auftrag für den Palast erhielt. Der Auftritt im Grand Palais kommt zur richtigen Zeit. Anselm Kiefer ist dabei, den phänomenalen Fuchsbau, den er in und um die Seidenspinnerei La Ribaute im Süden Frankreichs eingerichtet hat, aufzugeben. Seit 1993 hatte er sich dort, in der Nähe des kleinen Renaissance-Städtchens Barjac am Rande der Cevennen, einen gigantischen Erinnerungsort geschaffen, den zweiten nach dem roten Labyrinth in einer Ziegelei in Höpfingen im Odenwald.

          Der Künstler wechselt nach Paris, die Kunst kehrt zurück

          Kiefer wird das Gelände, die Container, die windschiefen babylonischen Türme, die Installationen und die Hunderte Meter langen Tunnels, die er gegraben hat, verlassen, um sich im Herbst im Pariser Marais-Viertel niederzulassen. Man könnte meinen, der Ausflug in den Grand Palais diene bereits dazu, etwas vom gigantischen Umzugsgut, das ihn auf dieser Reise begleiten wird, zwischenzulagern. Doch das meiste wird nach Barjac zurückkehren. Und La Ribaute wird, wohl von der Fondation Guggenheim verwaltet, seine Besuchszeiten bekanntgeben.

          Installationen haben die Gunst der Stunde. Über sie legt sich, denken wir an den trostlosen Gang durch das „Arsenale“ auf der venezianischen Biennale, gerne eine tödliche Langeweile. Kiefer gehört zu den Meistern, die den Vampirismus am fremden Ort auf souveräne Weise zelebrieren. In Paris erinnert man sich denn auch noch richtiggehend berauscht an die stupende Inszenierung, die er vor einigen Jahren in der Kapelle der Salpêtrière präsentiert hatte. Man spürte die Fähigkeit, mit Wörtern und Satzfetzen, die den Künstler gefangengenommen hatten, so etwas wie poetische Fermaten auf Bilder und Materialien zu legen. Kein Zweifel, dass erst das Wissen um Texte von Foucault wie „Die Geburt der Klinik“ oder „Die Heilmaschinen“ in der Kapelle des riesigen Krankenhauses die Vorstellung von geschlossenen Systemen zu schaffen vermochte, auf die die Arbeiten über das Thema „Chevirat Ha-Kelim“, „Bruch der Gefäße“, angewiesen waren.

          Mehr braucht es nicht, um die Alchimie in Gang zu bringen

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