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Comickünstlerin schafft Altar : Bienen drinnen, Bienen draußen

Sie hat ihre Bienen scharf beobachtet und gewissenhaft gepflegt: Anke Feuchtenbergers 31 Tafeln. Bild: LWL-Museum für Kunst und Kultur

Das Wunder von Münster: Die Comickünstlerin Anke Feuchtenberger hat einen Altar für die Mittelalter-Sammlung des Landesmuseums geschaffen.

          Das Landesmuseum in Münster zeigt im Hauptsaal seiner Mittelalter-Sammlung einen kapitalen Neuzugang: einen Altar im Breitwandformat, zusammengesetzt aus nicht weniger als 31 Tafeln. Wo kommt das Stück her? Hat im Zuge der auch Westfalen nun endgültig heimsuchenden Säkularisierung noch einmal ein Kloster seine Pforte dicht gemacht und sein Inventar in die Obhut des Staates gegeben? Es müsste ein Frauenkloster gewesen sein, eine Weihwasserburg für Schwestern vom gemeinsamen bescheidenen Leben, eher bienenfleißige Lieschen Müllers als anglophile Fräuleins.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Denn die Leidensgeschichten, deren Zeugen die Betrachter oder vielleicht besser Leser des Altars werden, spielen sich in einer weiblichen Lebens- und Sterbenswelt ab, zwischen kleinen Zellen, deren Bewohnerinnen eine strenge Vorratswirtschaft betreiben und sich sogar das Kerzenlicht sparen. Pfannkuchen schichten sie zu Wehrtürmen auf, Sirup bunkern sie in Tanks. Und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist ihr Leben nur Mühe und Arbeit gewesen und nicht auch Krieg und Trauma. Die Männer sind hier bloß auf der Durchreise, nur Gast auf einer Erde, die sie besudeln und schänden.

          Womit schon gesagt ist, dass ein Betrachter das Werk womöglich anders empfinden wird als eine Betrachterin und das generische Maskulinum sich für diese Fallstudie einer Soziologie des Museums als unbrauchbar erweisen dürfte. Damit ist zugleich ein Indiz für die Zuschreibung gegeben. Sollten Münster noch einmal apokalyptische Verheerungen blühen, wie sie die Altarlandschaft mit ihren Rauchsäulen, Baumstümpfen und Insektenschwärmen evoziert, sollte die Sammlung des Landesmuseums in alle Winde zerstreut werden, so könnte sich ein späterer Kunsthistoriker nicht nur auf stilistische Merkmale wie die handzeichnerische Nachbildung von Kontrasteffekten der Druckgraphik stützen, um eine Datierung des Polyptychons in die nachnachreformatorische Zeit des frühen 21. Jahrhunderts zu begründen. Die Polarität der Geschlechtscharaktere ist die Signatur von Anke Feuchtenberger, der 1963 in Ost-Berlin geborenen Meisterin der Bildergeschichte, bei der das Museum im Februar 2017 den Altar bestellt hat.

          Spruchbänder statt Sprechblasen: Die Bilder kann man im wörtlichen und im übertragenen Sinne lesen.

          Der Auftrag besagte, dass die Künstlerin ein Pendant zu einem Hauptwerk der Sammlung schaffen sollte, dem Halderner Retabel des Meisters von Schöppingen, der um 1450 ein Wimmelbild vom Kalvarienberg mit Vor- und Nachgeschichte der Kreuzigung als Seitenstücken malte. Dass Kuratoren ihre Dauerausstellung mit Gegenpositionen von Gegenwartskünstlern garnieren, ist im heutigen Museumsbetrieb eine geläufige Übung. Solche Interventionen sind allerdings zeitlich begrenzt. In Münster hat man von Anke Feuchtenberger etwas viel Kühneres verlangt: Neben dem kanonischen Werk des anonymen Kollegen, der aus dem Vollen der gotischen Tradition schöpfen konnte und bei den Flamen in die Lehre ging, als sie modern waren, soll ihr Gegenstück dauerhaft bestehen können.

          Das Altarbild ist der Archetyp der Objekte, für deren Konservierung und Präsentation Museen errichtet wurden. Gerade deshalb bleibt es ein Fremdkörper im Kunsttempel: Seine Aura erwächst aus dem Wissen, dass es aus seinem ursprünglichen Bestimmungszusammenhang herausgerissen wurde. Es müsste die Probe auf die Museumsreife von Anke Feuchtenbergers nie für einen liturgischen Zweck bestimmten Altar sein, ob man ihm eine solche Vorgeschichte wenigstens andichten kann. Das Wunder von Münster: So ist es – man hat Lust, sich eine kultische Verwendung des Feuchtenberger-Retabels auszumalen.

          Es ist die Rätselhaftigkeit des Dargestellten im Verein mit der Bestimmtheit der Darstellung, was diesem Gedanken Nahrung gibt. Der Sinn ist nicht auf Anhieb ersichtlich: Es liegt nahe, einen praktischen Kontext hinzuzudenken, in dem er sich ohne weiteres erschlossen hätte. Die Ernsthaftigkeit, mit der die Figuren ans Werk gehen, die Frauen jedweden Lebensalters, die Essen zubereiten, Besuche machen und Lasten tragen, hat sich auf die Künstlerin übertragen.

          Zur Versenkung in diese Szenen einfacher Verrichtungen verführt die Sprödigkeit der Machart, der Verzicht auf Effekthascherei. Wo Guido Reni sich brüstete, er beherrsche zweihundert verschiedene Weisen, den Himmel durch zwei schöne Augen anschauen zu lassen, da variiert Anke Feuchtenberger den niedergeschlagenen Blick. Ihre mit Kohle gezeichneten Heiligen des Arbeitsalltags nehmen keine Notiz von der Goldgrundierung des prosaischen Geschehens, bleiben absorbiert vom Schwarzweiß-Nahsehen. Selig sind die geistig Armen, denn ihrer ist das Himmelreich, für das sie kein Organ haben.

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