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Comickünstlerin schafft Altar : Bienen drinnen, Bienen draußen

Die deutlichste Arbeitsspur ist die Form des Ganzen. An jeder Seite, an jeder Ecke könnte das Werk angestückt werden. Es ist links breiter als rechts. Die Achsensymmetrie des Halderner Altarmöbels spannt den Tod Gottes für die Zwecke des klerikalen Machterhalts ein: Der Orthodoxie entspricht die Orthogonalität. Anke Feuchtenbergers Baukastenprinzip ist dagegen modular: Der Sinn der Bilderfolge geht in der Linearität nicht auf, man soll den Blick auch nach schräg oben und schräg unten wandern lassen. Die 31 Einzelbilder sind sechseckig wie die Zellen einer Honigwabe, denn an die Stelle des irrenden Gottesvolkes, dem die Gaffer von Golgotha eine Lehre sein sollten, tritt in Anke Feuchtenbergers Kosmologie ein schwirrendes Bienenvolk.

En detail: Bei der Pflege der Nachkommenschaft.

Wie die Dominikanerinnen des Klosters Paradiese bei Soest über Generationen an den Illustrationen ihrer Handschriften für den Chorgesang weiterarbeiteten, so gleicht die Wabe des Feuchtenberger-Altars einem Produkt gemeinschaftlicher Arbeit, die jederzeit wiederaufgenommen werden könnte. Durch diese Mimikry an die natürliche Arbeitsteilung im Prozess der Evolution verwandelt sich Anke Feuchtenberger der Namenlosigkeit ihres Vorläufers an.

Der Halderner Altar wurde im Laufe des Kirchenjahrs an bestimmten Tagen auf- und zugeklappt. Feuchtenbergers Tafeln könnte man von der Museumswand nehmen und stapeln wie die Pfannkuchen; einem Konventikel von Hexen hätte das Werk in dieser Form eines Tragaltars in den Zauberkram passen können, um sich der in Münster bis 1644 grassierenden Verfolgung zu entziehen. Im Gespräch erzählt die Künstlerin, dass die Weide, die im Zentrum ihrer Komposition das Kreuz ersetzt, als Hexenbaum galt. Ein Füllhorn solchen Geheimwissens kann Anke Feuchtenberger auf Nachfrage ausschütten.

In schriftlicher Form werden vor dem Werk keine Informationen zur Verfügung gestellt. Wie die Armen von Haldern die ihnen mutmaßlich aus Predigten vertrauten biblischen Geschichten entzifferten, ohne des Lesens kundig zu sein, regt Feuchtenbergers Emblematik zur ausbuchstabierenden Nacherzählung an. Es gibt Bezugstexte aus dem Sagenschatz des unklassischen Altertums, doch ist etwa die Geschichte vom Katherlieschen eines der weniger bekannten Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm: Wenn hier ein Wiedererkennen einsetzt, muss das Kulturgut ins Unbewusste eingesunken sein.

Wer nicht fragt, bleibt dumm: Kinder haben ihre helle Freude an Anke Feuchtenbergers Suchbildern, der düsteren Stimmung zum Trotz, entdecken den Hund, der nach dem obersten Pfannkuchen schnappt, während den Erwachsenen gefallen wird, dass im Bild davor der Schnabel der Teekanne im Vordergrund die gespitzte Schnauze des Hundes kopiert – ein deiktischer Selbstkommentar der Geschichte, wie er nur in der Bilderzählung möglich ist.

Was hat es mit der Haustür für eine Bewandtnis, die das Mädchen auf dem Rücken mit sich herumträgt? Man muss noch nie über die Pathosformeln der Passionsgeschichte nachgedacht haben, um die Parallele zu Jesus zu bemerken, der gegenüber sein Foltergerät schultern muss. Manche Motive des Meisters von Schöppingen nimmt Anke Feuchtenberger auf, um sie ins Gegenteil zu verkehren. Eine Menge von Unbekleideten in einer Höhle, die einer vornehmen Person die Hände entgegenstrecken: Dort holt Christus die Ureltern Adam und Eva als erste Erlöste aus der Unterwelt heraus, hier findet die aus dem Paradies verstoßene Bienenkönigin Aufnahme bei einem Teilvolk in einem neuen Stock. Der Einmaligkeit der Heilsgeschichte kontrastiert die Regeneration im Naturkreislauf.

Aber in einem solchen naturreligiösen Gegensinn zur christlichen Tradition erschöpfen sich die Bedeutungen von „Tracht & Bleiche“ nicht, wie Anke Feuchtenberger ihr Werk genannt hat. Beide Wörter sind technische Begriffe aus der Imkerei, die einen Schwarm von Assoziationen auslösen. Tracht ist das Einbringen oder auch Eintragen des Honigs, es steckt das Tragen darin, so dass das Grimmsche Wörterbuch auch die Erklärungen Tragfähigkeit und Tragweite angibt. In diesem Sinne ist die mitgeschleppte Tür die Tracht des Katherlieschens. Unausgesprochenes Leiden findet Ausdruck in Zeichen, die nicht beliebig sind, weil sie in einem fast naturwüchsigen Zusammenhang stehen: So mag man in Worte fassen, was uns Anke Feuchtenberger mit ihrem Bild aus Bildern zu verstehen gibt.

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