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Anita-Rée-Schau in Hamburg : Wie ein getüpfeltes Fabelwesen

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Entzauberung des Mythos Anita Rée: Die Hamburger Kunsthalle widmet der Malerin eine umfassende Retrospektive. Sie zeigt das Schaffen einer vielfältigen, neugierigen und intellektuellen Künstlerin.

          Ja, es stimmt schon, auf ihren Gemälden und Zeichnungen lacht kaum jemand. Aber war die Malerin Anita Rée deswegen eine unglückliche Frau? Nein, sagt Karin Schick, die nun deren erste Retrospektive in der Hamburger Kunsthalle kuratiert hat, mit der sie versucht, die traurige Legende von der verzweifelten und verfemten Anita Rée kritisch zu beleuchten und ihr Leben wie ihr Werk neu zu interpretieren. Deren düster umflorter Ruf resultiert nämlich aus solch menschelnden Bildanalysen, zusammen mit dem biographischen Umstand, dass sie, keine fünfzig Jahre alt, sich das Leben nahm. So verbreitet biographische Schlüsse in den achtziger Jahren im Zuge künstlerischer Spurensuchen dabei waren, zahlreiche aus dem kunstgeschichtlichen Diskurs verdrängte Künstlerinnen wieder in Erinnerung zu bringen, lassen sie sich heute in breitere Zusammenhänge stellen.

          Denn Anita Rée war Karin Schick zufolge kein Opfer der Zeitumstände, sondern vor allem eine selbstbewusste, reflektierte und anerkannte Malerin. Allein um ihre Kunst geht es in der Ausstellung, nicht um den Mythos. Die rund zweihundert Werke zeigen in elf thematisch ausgerichteten Sälen die umfassende Bandbreite des Schaffens einer so interessanten wie vielfältigen, so neugierigen wie intellektuellen Künstlerin, die, völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten, endlich und fulminant wiederzuentdecken ist.

          Geboren wurde Anita Rée 1885 in Hamburg, wo ihr jüdischer Vater mit seiner venezolanischen Ehefrau lebte. Als höhere Tochter lernte sie Klavier und Französisch und entdeckte, dass ihr die Malerei mehr war als ein sporadisches Hobby. Sie besuchte eine private Malschule, verfolgte aktuelle Tendenzen in den bildenden Künsten in Paris, fuhr nach Italien, um die Alten Meister zu studieren. Max Liebermann, der sich nicht viel um die damals auftauchenden „Malweiber“ zu kümmern pflegte, begutachtete 1906 trotzdem einige ihrer Arbeiten, bescheinigte ihr Talent und riet ihr, sich fortzubilden.

          Ab 1913 beteiligte sie sich an Ausstellungen. Bereits zwei Jahre später kaufte die Hamburger Kunsthalle erste Werke von ihr an. 1919 wurde sie Gründungsmitglied der Hamburger Sezession und stellte dort zeitlebens regelmäßig aus. Als die Harvard Society for Contemporary Art in Boston 1930 „Modern German Art“ präsentierte, hing neben Gemälden von Emil Nolde und Max Beckmann auch eines von Anita Rée.

          Ihr schwer festzulegender Stil ist eine Schnittmenge aus Tradition und Moderne, der Neuen Sachlichkeit oder dem Kubismus ebenso verpflichtet wie der Frührenaissance. Anregungen gewann Anita Rée auf Reisen, überdies im Völkerkundemuseum Hamburg oder in der Bibliothek des Kunsthistorikers Aby Warburg. Ob à la Feininger übereinandergestapelte, lichtdurchtränkte Häusergruppen an der Amalfiküste, getüpfelte animalische Fabelwesen oder suggestive Madonnenbildnisse, immer stand Anita Rée im Spannungsfeld divergierender Einflüsse. Eine Künstlerin „im Dazwischen“, wie es Karin Schick nennt, schwer zu kategorisieren, was der Rezeption nicht unbedingt dienlich war – im Übergang von Alt zu Neu, von Ideologie zu Identität, von Raum zu Zeit, von Landschaftsskizze zu Figurenstudie, von Mann zu Frau.

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