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Anita-Albus-Ausstellung in Glückstadt : Echter als die Wirklichkeit

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Zwei Geschichten kann man über die bedeutende Malerin Anita Albus erzählen: Eine handelt von angewandter Naturwissenschaft, die andere von angewandten Vorurteilen.

          Eine der besten Malerinnen unserer Zeit feiert im Oktober ihren siebzigsten Geburtstag. Wäre das nicht ein Anlass für eine Museumsretrospektive in München, der Stadt, in der Anita Albus geboren wurde und in der sie seit 1964 lebt? Oder wenigstens für ein Gesamtverzeichnis ihrer Werke? Würde man denken, ist aber nicht so. Stattdessen eröffnete jetzt ein kleines stadtgeschichtliches Museum im Norden der Republik die Ausstellung „Von seltenen Vögeln und Pflanzen“ und zeigt, was noch in keinem Museum zu sehen war: eine Gesamtschau des künstlerischen Werks.

          Knapp fünfzig Bilder sind in den Räumen des Detlefsen-Museums versammelt, eines Palais aus der Renaissancezeit, das in dem malerischen Städtchen Glückstadt liegt, eine halbe Stunde außerhalb von Hamburg. Glückstadt ist, so gesehen, ein Glücksfall: Es befindet sich in sicherer Entfernung zu den großen Kunstzentren und der vorherrschenden Meinung darüber, wie zeitgenössische Kunst auszusehen habe.

          Wer über Anita Albus schreibt, muss nämlich immer zwei Geschichten erzählen. Die eine, die davon handelt, was ihre Malerei auszeichnet. Die andere, die erklärt, warum kein großstädtisches Kunstmuseum ihre Werke zeigen will.

          Spröde Naturwissenschaft, schöne Kunst

          Die erste Geschichte beginnt 1942, als die Künstlerin in München geboren wird. Der Vater: ein Chemiker. Der Großvater: ein Chemiker. Der Urgroßvater: noch ein Chemiker. Der Urgroßvater war außerdem ein Schüler und Assistent von Justus Liebig, dem Begründer der modernen Lebensmittel- und Landwirtschaftschemie. Nach heutigem Verständnis wäre eine Tochter, die aus einem derart naturwissenschaftlich geprägten Elternhaus kommt und Künstlerin wird, eine, die der Familientradition den Rücken kehrt, um sich etwas anderem zuzuwenden. Die spröde Naturwissenschaft hier, die schönen Künste dort. Das ist aber zu modern gedacht.

          Wer die vormoderne Kunstgeschichte kennt, wird wissen, dass es geradezu folgerichtig ist, wenn die Tochter eines Chemikers zu malen beginnt. Denn bevor Farben in Tuben gekauft werden konnten, war jeder Maler auch Chemiker. Und die besten Maler waren die besten Chemiker, weil sie wussten, welches Pigment wie verarbeitet und aufgetragen werden musste, um das Gemalte weich, samtig, glühend oder durchscheinend wirken zu lassen.

          Zu den Letzten, die noch ihre eigenen Farben erfanden, zählte der unübertroffene englische Vogelmaler John Gould. Mit Öl und Blattgold mischte Gould eine Lasur, die dem Gefieder der Kolibris in seinen Werken den metallischen Glanz ihrer lebenden Vorbilder verleihen sollte. 1851 ließ er seine Erfindung patentieren und stellte sie zwischen Dampfmaschinen und Schiffsschrauben auf der Londoner Weltausstellung aus. So viel zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft.

          Die Pointe der ersten Geschichte lautet: Auch Anita Albus ist eine Erfinderin. Die Art, wie sie malt, konnte sie nicht auf der Folkwangschule in Essen-Werden lernen, wo sie von 1960 bis 1964 Grafik studierte; und die Farben, die sie verwendet, kann sie noch immer in keinem Geschäft kaufen. Die Pigmente Bleiweiß, Grünspan oder Pfirsichkernschwarz stellt Anita Albus selbst her. Sie mischt die Lösungen und Emulsionen, verleiht den Farben mit Honig oder Gummiarabicum Geschmeidigkeit, behandelt die Holz-, Kupfer- oder Leinwandoberflächen ihrer Gemälde oder färbt das Papier für ihre Aquarelle ein.

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