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Anita-Albus-Ausstellung in Glückstadt : Echter als die Wirklichkeit

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Ja, hätte sich Anita Albus darauf beschränkt, mit immer vollkommeneren Techniken die Werke Alter Meister nachzuahmen, wäre sie in eine Sackgasse geraten. Es ist schließlich kein Wert an sich, aus der Zeit zu fallen. Niemand muss gepuderte Perücken tragen, nur weil diese mit Beginn des modernen Zeitalters aus der Mode gerieten. Und niemand - mit Ausnahme des Restaurators - muss eine kunstvolle Technik am Leben halten, wenn diese uns heute nichts mehr sagt. Aber genau darum geht es bei Anita Albus: In ihren frühen Gemälden ahmte sie nicht nach, sondern schulte sich an den Alten Meistern.

Wir sehen die Welt, indem wir sie abbilden

Sie lernte zu sehen, wie die Stilllebenmaler sehen konnten. Denn Stilllebenmalerei war kein Selbstzweck. Stilllebenmalerei war ein Entdeckerwettbewerb, ein Überbietungsgefecht. Die Künstler übertrafen sich in der Genauigkeit der Beobachtung, sie sahen Phänomene, Dinge, Details, die dem ungeschulten Auge entgehen. Die Borste eines Fliegenbeins oder die durchsichtigen Gefäße mancher Pflanzen; die Lichtspiegelung in einem Glas, die glitschige Fäulnis eines verwesenden Pilzes. Und um diese Entdeckungen mitzuteilen, erfanden die Maler ihre erstaunlichen Techniken.

Es ist eine Binsenweisheit, dass wir nur denken können, wofür wir Namen, Wörter, Begriffe haben. Wir können aber auch nur sehen, wofür wir Pigmente, Farben und Formen haben. Kurzum: Wir sehen die Welt, indem wir sie abbilden. Bis heute kann es keine Fotografie mit der Kunst der Stilllebenmalerei aufnehmen.

Was Anita Albus von den Alten Meistern lernte, zeigt in Glückstadt der Raum mit ihren Pflanzenaquarellen. Sie wurden 2007 in ihrem Buch „Das Botanische Schauspiel“ veröffentlicht, aber natürlich kann keine Reproduktion mit den Originalen mithalten.

Auch als Autorin erfolgreich

Es sind seltene und zarte Organismen, deren Samen häufig aus entlegenen Regionen stammen und die Anita Albus in ihrem Garten aufzog, um sie malen zu können. Mit den feinsten Pinseln registriert sie jedes Fältchen auf den Blättern oder die ersten braunen Adern im Blütenblatt, die davon zeugen, dass es bald verwelken wird. Von Naturalismus zu sprechen wäre falsch. Die Wirklichkeit ist nicht so eindeutig, wie der Begriff vorspiegelt. Kurzum: Nicht jeder, der eine Pflanze betrachtet, würde sehen, was Anita Albus sieht. Aber wer ihre Bilder sieht, erhält die Chance, eine Pflanze mit solchen Augen zu sehen.

Auf dem Buchmarkt feiert Anita Albus übrigens längst Erfolge, im Literaturbetrieb kennt und schätzt man ihr Werk. Bücher wie „Von seltenen Vögeln“ und „Das botanische Schauspiel“ wurden mit Preisen ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt. Zu ihren größten Bewunderern zählte der Ethnologe Claude Lévi-Strauss. 1980 schrieb er den Katalogtext für Anita Albus’ bisher erste und einzige Ausstellung in einem Kunstmuseum - der Münchner Villa Stuck.

Wer vor fünfzig Jahren Joseph Beuys nicht ausstellen wollte, den würde man heute als borniert betrachten - zu Recht. Nur haben sich die Zeiten geändert. Kein Museumsdirektor lacht heute über die Fettecke. Die neue Borniertheit besteht darin, ein Pflanzenstillleben zu verachten. Der Preis ist die selbstverschuldete Monotonie des zeitgenössischen Ausstellungsbetriebs.

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