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Anita-Albus-Ausstellung in Glückstadt : Echter als die Wirklichkeit

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Wer im Detlefsen-Museum die Holztreppe in den ersten Stock hinaufsteigt, kann sehen, warum sich diese Mühe lohnt. Gleich im ersten der beiden Ausstellungsräume hängt das Gemälde „Waldrappe in Weltlandschaft“, und deren Gefieder leuchtet so metallisch, dass John Gould, wäre er noch am Leben, die Künstlerin der Industriespionage beschuldigen müsste. Eine Wand weiter hängt die „Landschaft mit Eisvögeln“: Aus dem Wasser scheint ein geheimnisvolles Glühen aufzusteigen, das sich kurz vor der Oberfläche verliert.

Macht gute Technik große Kunst?

Wer sich fragt, wie dieser Eindruck entsteht, kann es bei Anita Albus nachlesen. In ihrem Buch „Die Kunst der Künste“ von 1997 hat sie versucht, das Rätsel zu lösen, wie es dem flämischen Maler Jan van Eyck gelang, seinen Farben die vielgepriesene Tiefenwirkung zu verleihen. Und sie gab - wie kann es anders sein - die Antwort einer malenden Chemikerin: Es seien „die konsequente Nutzung der optischen Wirkungen unterschiedlicher Korngrößen“ bei den Pigmenten und die „Sandwich-Anordnung“ dreier Farbschichten, die das Licht in die Tiefe des Bildes lockten, um es dort mehrfach zu brechen. Die gleiche Technik findet man bei Anita Albus. Und was man nicht vergessen darf: Kein industrielles Pigment kann dabei mithalten. Die Körner sind zu fein und gleichmäßig gemahlen, die Farben wirken deshalb häufig flach und teigig.

Überzeugt? Noch nicht? Eine gute Technik macht noch keine große Kunst? Dann muss an dieser Stelle noch etwas erklärt werden: In der Malerei gibt es, grob gesprochen, zwei Arten, Lichteffekte zu produzieren. Die Unterscheidung ist einfach - auch für den Laien. Die eine besteht darin, mit Hell- und Dunkelkontrasten Glanzlichter und Schatten nachzuahmen, so dass das Auge getäuscht wird und die dreidimensionale Wirkung eintritt. Der Spuk hört auf, wenn man nahe an das Bild herantritt und es wieder in Farbflächen auseinanderfällt. Etwas völlig anderes ist es, Pigmente wie geologische Schichten aufzutragen, so dass sich das Licht, wenn es die Ebenen durchwandert, mehrfach bricht und damit die Farben strahlen lässt. Schmetterlingsflügel, Vogelfedern bringt dieses Prinzip in der Natur zum Leuchten - in der Kunst die Gemälde von Anita Albus. Es geht also um mehr, als einen Effekt zu produzieren. Anita Albus’ Malerei gleicht sich der Methode an, die in der Natur die Gegenstände hervorbringt, die sie festhält.

Und an dieser Stelle müssen wir die zweite Geschichte erzählen. Warum will kein Kunstmuseum diese Kunst ausstellen? Einfach formuliert: weil sie nicht passt. Weil sie an eine Tradition anknüpft, die man für abgeschlossen hält. Naturalistische Naturdarstellung ist das, was die Avantgarden im neunzehnten Jahrhundert beendeten, als sie zuerst die Zentralperspektive, dann den Tiefenraum und schließlich die Gegenständlichkeit verabschiedeten. Was dann folgte, ist bekannt: Minimal Art, Pop-Art, Konzeptkunst. Kunstströmungen also, denen wir großartige Kunstwerke verdanken, ganz ohne Zweifel.

Aber bedeutet es, dass die Malerei von Anita Albus nur ein antimoderner Manierismus ist? Eine Pose? Auch auf diese Frage gibt die Glückstädter Schau eine Antwort. Anita Albus veröffentlichte ihre Werke zuerst in Büchern, etwa dem Kinderbilderbuch „Der Himmel ist mein Hut, die Erde ist mein Schuh“ von 1973. In diesen frühen Gemälden, die auch in Glückstadt gezeigt werden, trifft der Betrachter alte Bekannte der Kunstgeschichte. Die Schlange, zum Beispiel, die sich in „Der Waldboden“ zwischen zwei Pilzen hindurchschiebt, ist ein Wiedergänger der Schlange, die der holländische Stilllebenmaler Otto Marseus van Schrieck 1662 durch das Unterholz schickte.

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