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Anish Kapoor in Berlin : Der Leviathan braucht Luft und Kunst

Die Herrscherporträts der Gegenwart sehen so aus: Im Berliner Martin-Gropius-Bau werden die Werke des Bildhauers Anish Kapoor ausgestellt. Sie sind vor allem eines - teuer und monumental.

          Wenn es im Museum einen monumentalen Knall gibt und keine erschreckten Wärter durch die Hallen eilen, befindet man sich sehr wahrscheinlich in einer Ausstellung von Anish Kapoor: In seiner Arbeit „Shooting into the Corner“ feuert eine Kanone in regelmäßigen Abständen Kugeln aus rotgefärbtem Wachs in eine weißgetünchte Ecke, wo sie mit lautem Krach zerspritzen. Auch in Berlin, wo man Kapoor eine große Retrospektive ausrichtet, ist die Arbeit zu sehen und vor allem zu hören: Wenn geschossen wird, zittern die Wände, und man sorgt sich, dass die nur eine Etage darüber hängenden delikaten Gemälde von Hort Antes von der Wand fallen könnten.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Anish Kapoor, 1954 in Indien geboren, seit 1973 in England lebend, gilt als einer der wichtigsten lebenden Bildhauer. Seine Kunst, heißt es, überwinde die Grenzen von Malerei und Skulptur, seine Werke führten den abstrakten Expressionismus zu einer raumbildenden Kunst, die Kanone wirke wie ein Automat, der Jackson Pollocks All-Over-Painting oder die späten, blutrottriefenden Malereien von Cy Twombly monumentalisiere und verräumliche und in eine automatisierte Dauerperformance verwandele.

          Bekannt wurde Kapoor mit Stein- und Gipsskulpturen, in deren Öffnungen matte Farbpigmente für erstaunliche, Op-Art-hafte Raumeffekte sorgten. Immer wieder, wie bei den amorph-porösen „Fragmenten“ aus Kunstharz und Erde von 2012, beschäftigt Kapoor die Frage, was im Zwischenraum von Zufallsprodukt und Gestaltung, Form und Formlosigkeit passiert, wann Oberflächen zu Tiefenräumen werden. Von diesen Arbeiten sind ebenfalls einige in Berlin zu sehen, es sind seine besten. Ansonsten gibt Kapoor dem Begriff der Materialschlacht nicht nur in seinem Kanon

          enkunstwerk eine neue Bedeutung: In Berlin sieht man mannshohe Stalagmiten aus Beton und tonnenschwere Wachsgebilde. In Bregenz zeigte er eine zwanzig Tonnen schwere rote Skulptur aus Vaseline und Wachs. Zu den Olympischen Spielen in London errichtete er den „Arcelor-Mittal-Orbit“-Turm, eine 115 Meter hohe Skulptur aus ineinanderverschränkten Stahlstreben, die als Aussichtsplattform dient. Seine aufblasbare riesenwalartige Skulptur „Leviathan“ füllte das 240 Meter lange und 45 Meter hohe Pariser Grand Palais fast vollständig und liegt nun als „Tod des Leviathan“ etwas luftleerer auch im Gropiusbau, ein teils praller, teils schlaffer, seltsam lebendig wirkender Luftkraken, in dem sich Kapoors Interesse an formalen Spielen mit dem Quellenden und dem Schlaffen, dem Weichen und dem Harten zeigt.

          Beschwörung der Industriekultur

          Andere Werke Kapoors sind von einer fast komischen metaphorischen Deutlichkeit, wie man sie sonst nur noch bei Anselm Kiefer und seinen mit Flügeln ausgerüsteten Bleibüchern findet: Ein Werk heißt „Wound“ und zeigt eine rote, wundenartige Spur im Material. Eine surreale Ausbuchtung in der Wand heißt „When I am pregnant“. Dazu lässt sich wenig sagen, man kann es lustig finden oder nicht.

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