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Malerin Angelika Kauffmann : Männer sind so verletzlich

Ganymed, den Adler des Jupiters tränkend, 1793 Bild: AKRP, Markus Tretter

Feministische Modemacherin des 18. Jahrhunderts: Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt das Werk der klassizistischen Malerin Angelika Kauffmann und stilisiert sie zum Star.

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          Der englische Maler Joseph Farington, Mitglied der Royal Academy, berichtet in seinem Tagebuch von einer Äußerung, die der jüngere Pitt, der langgediente Premierminister, nicht lange vor seinem Tod im Jahre 1806 tat, als in einer Runde von Künstlern die Rede auf die französische Porträtmalerin Elisabeth Vigée-Le Brun kam. Er habe sich oft gefragt, sagte Pitt, warum nicht mehr Frauen die Künste studiert hätten, wo das Berufsfeld doch so gut zu ihren Anlagen zu passen scheine.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Mit der Bescheidenheit, die auch ein männlicher Gesprächspartner gegenüber einem berühmten Staatsmann zu wahren hatte, deutete der Maler Henry Edrige Widerspruch an: Michelangelo und Raffael hätten bewiesen, dass dieses Studium die größten Kräfte verlange. Pitt nannte die Bildhauerin Anne Damer, der Edridge kein besonderes Verdienst zuerkennen wollte. Er setzte hinzu, „dass Angelica, die viel mehr in einer viel schwierigeren Sparte der Kunst erreicht habe, schwach sei, wenn man sie mit männlichen Anstrengungen vergleiche“.

          Können wir den Ruhm verstehen?

          Das Gespräch illustriert, wie unfair es auch in aufgeklärter Zeit zuging, wenn Künstler und Künstlerinnen verglichen wurden. Von welchem männlichen Bildhauer sagt man schon, wenn man vor seinen Werken steht: Michelangelo ist nichts dagegen? Freilich galten für die klassizistische Kunstauffassung die von den größten Meistern gesetzten Standards grundsätzlich als erreichbar. Dem Maler Anton Raphael Mengs hatte schon sein Vater mit den Vornamen den Auftrag mitgegeben, es mit Correggio und Raffael aufzunehmen, und tatsächlich wurde nach dem Tod von Mengs neben dem Grabmal Raffaels im Pantheon eine Büste des Deutschen aufgestellt. An den Nachrichten über das Begräbnis Raffaels orientierte sich auch der Bildhauer Antonio Canova, als er die Trauerfeierlichkeiten für die am 5. November 1807 in Rom verstorbene Malerin Angelika Kauffmann gestaltete.

          Deren Londoner Kollegen nannten sie beim Vornamen, jedenfalls in ihrer Abwesenheit. So ist es noch heute ein schlechter Brauch, dass etwa Angelika Kauffmanns Zeitgenossin Jane Austen in der biographischen Literatur als Jane firmiert, als wäre sie ein Kind geblieben. Angelika Kauffmann genoss die Art von Berühmtheit, die mit dem Gefühl und dem Anspruch persönlicher Vertrautheit zusammengeht. Mit ihren Gemälden und auch mit den in hoher Auflage verbreiteten Reproduktionen verband sich eine Vorstellung von der Person der Schöpferin. Auch hier hatte der Vater vorgearbeitet, ebenfalls schon ein Maler wie der ältere Mengs, indem er seinem Kind, als wär’s ein Bild, einen sprechenden Namen gab: Sie sollte die Engelsgleiche sein.

          Es ist kein Anachronismus zu sagen: Angelika Kauffmann war ein Star. Aber macht dieser Status sie heute interessant? Der Düsseldorfer Kunstpalast scheint das vorauszusetzen, indem er im Titel seiner Kauffmann-Ausstellung das vielzitierte Wort des dänischen Botschafters in einem Brief an den deutschen Dichter Klopstock, die ganze (Londoner) Welt sei „angelicamad“, noch einmal zitiert. Selbst der plumpen Plakatkampagne mit Etiketten wie „Influencerin" kann man ein Fundament in der Sache nicht absprechen.

          Wartet am Ende des Regenbogens ein Farbtopf voller Gold? In vier Deckengemälden für die Royal Academy stellte Angelika Kauffmann die vier Momente des malerischen Schöpfungsaktes dar: hier die Farbgebung.

          Kauffmann erlebte indes auch die Schattenseite des Starruhms: den Verdacht, sie sei überschätzt. Die Ausstellung behauptet, Kauffmann habe sich durch zeitgemäße Einkleidung der von ihr porträtierten Damen „als Modemacherin einen Namen“ gemacht, sei also eine Kollegin des unlängst am gleichen Ort ausgestellten Pierre Cardin gewesen. Allerdings wurde die postume Rezeption Kauffmanns fast zweihundert Jahre lang von der Vermutung geleitet, dass ihr phänomenaler Erfolg als Modephänomen gesehen werden müsse. Dabei stand auch der Gedanke im Raum, dass sie als einsame Frau in männlicher Konkurrenz nicht objektiv beurteilt worden sei – nämlich zu wohlwollend.

          Mit welchem Recht trat Edridge vor Pitt als Kunstrichter auf? 1768 geboren, brachte er es erst 1820 zum assoziierten Mitglied der Royal Academy und kam über diesen Rang nicht mehr hinaus. Kauffmann dagegen war Vollmitglied und gehörte sogar als eine von zwei Frauen zu den Gründungsmitgliedern der Künstlervereinigung. Bei der Gründung 1768 war sie 27 Jahre alt. Die Ausstellung zeigt Richard Earloms Stich nach Johan Zoffanys Gruppenbild der Akademiemitglieder. Kauffmann und ihre Kollegin Mary Moser hängen als Porträtköpfe an der Wand – denn die Herren Akademiker sind beim Aktstudium am lebenden männlichen Modell dargestellt, und bei diesem Exerzitium durfte Weibsvolk nicht anwesend sein. Mit der Beschränkung der Studienmöglichkeiten konnten Bewunderer die Schwächen Kauffmanns in der Anatomie erklären.

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