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Merkel hängt Nolde-Bilder ab : Nachgeholte Deutschstunden

In ihrem Arbeitszimmer hängen nun Bilder von Karl Schmidt-Rotluff: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Bild: dpa

Warum gibt das Bundeskanzleramt zwei Gemälde Emil Noldes an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurück? Nolde galt den Nationalsozialisten als „entartet“. Dabei war er selbst Nationalsozialist. Die Entscheidung ist richtig.

          Im Amtszimmer der Bundeskanzlerin hingen bislang zwei Bilder des Malers Emil Nolde: „Blumengarten – Thersens Haus“ von 1915 und „Brecher“ von 1936. Jetzt hat das Bundespresseamt bestätigt, dass sie vom Kanzleramt an die „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ (SPK), der die Leihgaben gehören, ganz zurückgegeben werden. Dies geschehe nicht auf Initiative von Angela Merkel, vielmehr habe die Stiftung „Brecher“ zurückerbeten.

          Eine Anfrage dieser Zeitung bei der SPK ergab allerdings, dass die Stiftung das Bild nur vorübergehend für die anstehende Nolde-Ausstellung im Berliner Museum „Hamburger Bahnhof“ beim Kanzleramt erbeten hatte. Dass die Kanzlerin dies nutzt, um beide Werke in ihrem Amtszimmer dauerhaft zu ersetzen – es sollen Werke Karl Schmidt-Rottluffs in der engeren Wahl sein -, dürfte mit dem zusammenhängen, was seit Jahren schon über Nolde bekannt ist: dass er ein Nationalsozialist war, antisemitisch und alles andere als der innere Emigrant, zu dem sich der Hochbetagte nach 1945 stilisierte und als den ihn vor allem Siegfried Lenz in seinem Roman „Deutschstunde“ in Gestalt des Malers Max Ludwig Nansen darstellte.

          Der Fall Nolde ist nicht nur dadurch kompliziert, dass seinen Bildern die politische Gesinnung des 1867 in Nordfriesland geborenen Künstlers nicht abzulesen ist. Sie enthalten kein Lob des heroischen Menschen, keines der deutschen Scholle oder von kriegerischer Gewalt. Wer in seinen meist menschenleeren Meeres-, Landschafts- und Blumenbildern gesellschaftspolitische Ansichten des Malers fände, müsste den entsprechenden Verdacht beispielsweise mit den Landschaftsbildern anderer Expressionisten ohne NS-Hintergrund abgleichen. Die abstrakte Behauptung, man könne Bilder nicht von den politischen Überzeugungen ihrer Maler und diese nicht von ihren ästhetischen Überzeugungen trennen, ist durch die Kunstgeschichte hundertfach widerlegt. Naiv zu glauben, nur honorige Charaktere brächten bemerkenswerte Werke hervor, und jede Niedertracht drücke sich willkürlich oder unwillkürlich auch im Bild aus.

          Kompliziert ist der Fall Noldes darüber hinaus, weil die nationalsozialistische Kunstpolitik nach kurzem Zögern, ob nicht der Expressionismus ihren Anschauungen entspreche, Bilder Noldes geradezu für „kulturzersetzend“ erklärte. Nolde also empfand sein dem Archaischen, Elementaren, Einfachen verpflichtetes Werk als einen Beitrag zu echtem Germanentum und völkischer Kunst. Die ausschlaggebenden Ideologen des NS-Staates hingegen erkannten darin das Gegenteil. So kam es, dass Nolde, der auch nach 1933 lange einer der bestverdienenden deutschen Maler war, 1937 – im zweiterfolgreichsten Verkaufsjahr seiner Karriere, so die Kunsthistorikerin Aya Soika – völlig konsterniert seine Werke in die Ausstellung „Entartete Kunst“ aufgenommen sah.

          In der Folge hatte er es mit Schikanen zu tun, die er nach 1945 als Malverbot darstellte. Der Künstler, der 1942 in einem Brief schreibt, man habe ihn von 1910 bis 1933 boykottiert - woran er früh eine angebliche „alljüdische Bevormundung“ in der Berliner Kunstszene beteiligt sah - und danach erneut, fühlte sich sein durchaus geschäftstüchtiges Leben lang als zurückgesetzter Außenseiter. Zu Noldes hundertsten Geburtstag gelang Walter Jens dann die Volte, die Nationalsozialisten hätten den Maler „sehr zu Recht gefürchtet“. Das mag ihn über die „Deutschstunde“ und über den persönlichen Geschmack hinaus schon für Helmut Schmidt amtszimmerfähig gemacht haben. Dass die Bilder eines Nationalsozialisten, auch wenn es keine nationalsozialistischen Bilder sind, eine zweifelhafte Wahl für einen solchen Staatsort waren, liegt auf der Hand. Sie gehören tatsächlich zurück ins Museum. Auch wenn diese Einsicht spät kommt, hat das Bundeskanzleramt keinen Grund, seine Entscheidung dem Preußischen Kulturbesitz zuzuschreiben.

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