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Angeblicher Caravaggio-Fund : Der Mann mit dem schnellen Strich

  • -Aktualisiert am

Nichts geht mehr ohne Sensation: Warum hundert in Mailand entdeckte Zeichnungen sowie ein eng beschriebener Papierbogen von der Hand des Malergenies Caravaggio stammen können, aber nicht müssen.

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          Einhundert unbekannte Werke von einem der größten Künstler des Abendlands sind aufgetaucht; Forscher präsentieren den Medien einen ganzen Œuvrekatalog mit Zeichnungen von Michelangelo Merisi, besser bekannt unter seinem Künstlernamen und gleichzeitigem Herkunftsort Caravaggio. Aus diesem Landstädtchen zog der junge Merisi 1584 mit dreizehn Jahren nach Mailand und ging dort bei dem bedeutendsten Maler der Stadt in die Lehre. Von ebendiesem Simone Peterzano liegen in der Graphikabteilung des Stadtmuseums im Castello Sforzesco Mappen mit nicht weniger als 1378 Blättern aus seiner Werkstatt. Etliche davon, so Maurizio Bernadelli Curuz, einer der Leiter der kunsthistorischen Ermittlungen, müssen nach menschlichem Ermessen von Caravaggio stammen. Eigentlich merkwürdig, dass vorher niemand auf die Idee gekommen ist.

          Seit zwei Jahren haben Forscher unter Federführung von Bernadelli Curuz und seiner Kollegin Adriana Conconi Fedrigolli den Corpus der Peterzano-Sammlung akribisch mit den gesicherten Werken Caravaggios verglichen. Nach der genuin italienischen Methode des legendären Giovanni Morelli, der im neunzehnten Jahrhundert an Details wie Fingernägeln, Augen, Schraffuren die Meister erkannte, konnten schließlich hundert Blätter mit dem römischen und neapolitanischen Spätwerk Caravaggios kurzgeschlossen werden. Dass ein Schüler von seinen Studien, Porträtköpfen, Kopien erhebliches Material im Fundus des Meisters, sozusagen im Arbeitsbestand der Werkstatt, zurücklässt - diese Möglichkeit verträgt sich jedenfalls bestens mit dem, was Kunsthistoriker seit Jahrzehnten über das Funktionieren einer solchen „Bottega“ herausgefunden haben.

          Eigenständig und revolutionär?

          Zusätzlich hat die Caravaggio-Forschergruppe auch noch Kirchen in der bergamaskischen Heimatprovinz des Künstlers und vor allem in Mailand nach möglichen Spuren des Genies durchforscht. Denn ausgerechnet über diesen prägenden Jahren vor dem Umzug nach Rom liegt ein Schleier, der den Sensationserfolg des helldunklen Realismus der römischen Ölbilder nur noch besser erklärt. Doch kam Caravaggio tatsächlich aus dem Nichts? Die neuen Forschungen lenken den Blick auf die Peterzano zugeschriebene Altartafel der Kirche Santi Paolo e Barnaba in Mailand, der schon der große Roberto Longhi eine „stark caravaggistische Tendenz“ zuschreibt.

          Nach Ansicht von Bernadelli Curuz, im Hauptberuf Direktor der städtischen Museen von Brescia, könnte Caravaggio nicht nur am Gemälde der Wunder der heiligen Paulus und Barnabas mitgemalt haben, sondern das Bild 1590 auf Bestellung seiner Gönnerin Costanza Sforza Colonna sogar eigenhändig übermalt haben. Solange jedoch für solche deduktiven Zuschreibungen die Belege fehlen, wird es in der betreffenden Kirche zwar unerwarteten Zulauf geben, doch muss die Händescheidung zwischen dem Meister Peterzano und dem Schüler Caravaggio Spekulation bleiben.

          Umgekehrt darf man vielleicht die Frage stellen, ob Caravaggios hyperrealer Zoom auf brutale Alltagshandlungen tatsächlich komplett eigenständig und revolutionär war oder ob solche Optik nicht auch im Repertoire des lombardischen Spätmanierismus angelegt war. Oder kurz gesagt: Peterzano könnte ein größerer Innovator gewesen sein, als man ihm nach der Weltberühmtheit seines Schülergenies noch zubilligen möchte.

          Absurde Spekulationen um den Wert

          Überzeugender klingen die Erkenntnisse der Forschergruppe bei den Zeichnungen, denen Bernadelli Curuz jetzt bereits den „schnellen und gewaltsamem Strich“ Caravaggios ansieht. Hier möchte man belegen, dass Caravaggio rund achtzigmal ganz konkrete Gesten und Gesichter in seinem späteren Werk wiederaufgegriffen hat. Doch ist diese durchaus gebräuchliche Praktik, aus einem Gesichtervorrat zu schöpfen, auch ein Beweis, dass die ursprüngliche Zeichnung von Caravaggio stammt? Könnte er nicht seinerseits von einem Lehrer oder Mitschüler kopiert haben? Solche Quisquilien verraten viel über die widerstreitenden Ziele des heutigen und des damaligen Kunstbetriebs. Während Malerei im sechzehnten Jahrhundert ein Werkstattgeschäft war, bei dem fast immer ganze Gruppen am Kunstwerk tätig waren, giert unsere Medienwelt des Bilderzeitalters nach dem exklusiven Opus, welches ausschließlich und für die Ewigkeit den Fingerabdruck des überzeitlichen Genies trägt.

          Nach solcher Logik, die nichts mit dem Entstehungszusammenhang der Zeichnungen gemein hat, mussten die Forscher ihre langwierige, kostspielige und ungemein verdienstvolle Arbeit mit Schlüsselreizen unserer Epoche aufmöbeln: Sensation und Geld. In heutige, also arg wetterwendische Münze umgerechnet, sollen die hundert Blätter - also nicht die Werke der Kollegen und Peterzanos - einen Wert von siebenhundert Millionen Euro darstellen. Diese Zahl ist nicht nur darum absurd, weil es für Caravaggios wenige Gemälde überhaupt keinen Markt mit Vergleichswerten gibt, sondern weil die Stadt Mailand schon rechtlich aus dem Stiftungsnachlass überhaupt nichts verkaufen darf. Allenfalls könnte eine solche Phantasiezahl einer künftigen Ausstellung der Werke im Mailänder Sforzaschloss oder im Palazzo Reale mehr Schlagzeilen bescheren. Und eine solche Ausstellung wird es irgendwann geben.

          Ein graphologisches Argument

          Bis dahin, wenn sich das große Publikum einen Eindruck vom Sensationsfund wird machen können, mahnen andere italienische Kunsthistoriker, so die Tageszeitung „Repubblica“, zur „absoluten Zurückhaltung“. Die Kollegen tun dies mit gutem Grund. Denn was den Blättern fehlt, ist ein Dokument, welches die Beteiligung des gesuchten Künstlers - so wahrscheinlich sie sein mag - zweifelsfrei belegt.

          Immerhin fand sich in den Blättern Peterzanos ein kurzer Beschwerdebrief an den Meister, dessen rauer Ton unbedingt an den Raufbold und Choleriker Caravaggio denken lässt. Die Forscher sprechen gar von einem Antipodenverhältnis Schüler-Meister, womit sie den Mythos des rabiaten Totschlägers Caravaggio bis in dessen Jugendzeit rückprojiziert hätten. In der Tat präsentierten Bernardelli Curuz und Conconi Fedrigolli ein Zertifikat einer graphologischen Gerichtsgutachterin, dem zufolge nur Caravaggio den Schrieb verfasst haben kann. Was aber beweist diese mögliche Spur? Caravaggio könnte seine Jugendwerke auch allesamt aus der Bottega Peterzanos mitgenommen haben und aus Mailand nach Rom zum Ruhm verschwunden sein. Und was uns heute als Morgenröte eines Jahrtausendgenies präsentiert wird, wäre deren Abglanz in den Studien und Skizzen vergessener Kollegen.

          Dieser Schatten des Zweifels wird allzeit auf den Fund fallen, so einleuchtend und faszinierend der Indizienbeweis der Kunsthistoriker auch wirkt. Wenn indes durch die Sensationsmeldungen, ohne die heute Forschungsergebnisse zu italienischer Kunst eines Michelangelo, Leonardo, Raffael augenscheinlich nicht mehr zu haben sind, größeres Interesse an der faszinierenden Genese unserer Optik in den Zeichenblöcken der Manieristen erwächst - umso besser. Denn sicher scheint, dass sich nun, auch durch die gleichzeitige Internet-Publikation der Blätter auf 600 Seiten mit viersprachigem Kommentar bei Amazon, weltweite Neugier auf die nervösen Schraffuren, die Charakterköpfe, die fahrigen Gesten und wundervollen Schattenreflexe von Zeichnungen des Seicento richten wird.

          Einblick in sein frühes Schaffen?

          Caravaggio ist eben als Maler krisenhafter und gewalttätiger Zustände nicht zufällig auch das derzeit größte Zugpferd des Kunstbetriebs. Seit 2010 die „Ausstellung der Ausstellungen“ Hunderttausende in die Scuderie del Quirinale zog, seit man im Küstenstädtchen Porto Ercole seine mutmaßlichen Gebeine aus einem Massengrab individuierte und ebenfalls 2010 pompös bestattete, wirkt die Erschütterung nach. Mit weniger Aufmerksamkeit zog das römische Staatsarchiv mit einer Schau von faszinierenden Alltagsdokumenten des Künstlers nach. Erst in diesem Frühjahr schloss die Großausstellung „Rom im Zeitalter Caravaggios“ mit Werken vieler Zeitgenossen im Palazzo Venezia ihre Pforten. Und sogar das Geburtsstädtchen namens Caravaggio arbeitet an einer musealen Präsentation mit erstklassigen Faksimiles der Gemälde.

          Ähnliche Neugier soll und wird sich nun auf den verstaubten Fondo Peterzano lenken und hoffentlich dabei die Frage nicht aus dem Auge verlieren, warum wir eigentlich an dem harten und doch zärtlichen, helldunklen und doch facettenreichen, volkstümlichen und doch raffinierten, brutalen und doch verletzlichen Schaffen dieses Malers solche Freude haben und uns vielleicht in seiner krisenhaften Biographie wiederfinden. Ein mehr als verstohlener Blick in die Werkstattjahre Caravaggios, was immer von seinem frühen Schaffen noch übrig sein mag, ist da in jedem Fall ein großer Gewinn.

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